Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 47 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268968-2268971--3477-3523879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

47 angesehene Menschen mittlerer Bildung aus dem katholischen und aus dem evangelischen Lager wählen und sie fragen, was sie denn eigentlich von der anderen christlichen Konfession wissen. Man würde staunen, welche tatsächlichen Jrrtümer von entscheidender Bedeutung sich hier zeigen. Eine solche Klärung kann zwar niemals die letzten Unterschiede zwischen den Konfessionen tilgen. Sie werden immer bleiben, und der gewissenhafte Mensch wird sich bei der Beurteilung auch stets diese Unterschiede vor Augen halten. Aber wieviel Schmutz, wieviel Haß und Verachtung könnte vermieden werden, wenn man aus den Urteilen der Menschen zunächst einmal das wegräumte, was sie in ihrer Entscheidung oft am meisten beeinflußt oder zum mindesten beeindruckt! Hier ist noch ein sehr weites Feld für aufklärende Arbeit. Die Verschiebung der Beweislast muß aus unserem öffentlichen Leben ausgeschaltet werden. Wenn die öffentliche Meinung dahin geht, daß man bei Privatbeleidigungen den Beleidiger zur Beweisführung heranzieht — was ja durchaus der Gerechtigkeit entspricht—, so darf man andererseits bei Kollektivbeleidigungen (Herabsetzung der Ehre einer Gesamtheit durch beleidigende Aeußerungen und Werturteile) nicht verlangen, daß der angegriffene Teil den Gegenbeweis erbringt. Diese sogenannten Kollektivbeleidigungen beherrschen unser öffentliches Leben und schassen eine Haßatmosphäre, die zu innerem Unfrieden führt. Die Gefahr der Verhetzung des Volkes wächst, wenn zu dem abwegigen Urteil über den Gegensatz der Religionen etwa noch ein Gegensatz aus angeblich fremder Abstammung hinzutritt. Die Völkischen in ihrer chauvinistischen Auffassung des- Nationalen, sprechen dem Juden stets das Vaterlandsgefühl ab, weil für sie nicht Sprache und Kultur, sondern nur die „Rasse" ausschlaggebend ist. Aus Beobachtungen schlechter Eigenschaften bei einzelnen jüdischen Individuen leiten sie das Recht ab, der ganzen Gemeinschaft diese Eigenschaften zur Last zu legen und sie als minderwertig abzutun. Sehr vielen Reizzuständen unseres öffentlichen Lebens liegen solche Verallgemeinerungen zugrunde, und .so kommt man zu Urteilsbildungen, die einer objektiven Prüfung nicht standhalten können. Das Verantwortungsgefühl der Gesamtheit gegenüber, der Wille, über Kleinigkeiten hinaus die großen Ziele des Lebens zu verfechten, gebietet, hier mit Aufklärungsarbeiten einzusetzen. Man darf dabei nicht optimistisch sein. Wie aus überzeugten Atheisten keine dogmengläubigen Katholiken, aus feudalen Agrariern keine klassenbewußten Proletarier werden, wie umgekehrt der durch Veränderung der äußeren Lebensbedingungen Kapitalist gewordene Proletarier nicht restlos in die Geisteshaltung des Kapitalisten eingehen wird, ebenso werden aus. Judengegnern selten Judenfreunde. Wird aber einmal durch unparteiische und gründliche Untersuchung gezeigt, was in böswilliger Absicht an Unwahrheiten den Anhängern einer Lehre und dieser selbst angedichtet worden ist, so ist schon damit unendlich viel erreicht. Der Agrarier wird erkennen, daß die wirtschaftliche und soziologische Struktur den proletarischen Menschen zum Klassenkampf drängt, der Katholik, daß auch der Atheist ein in religiösen Bezirken zutiefft verwurzelter Mensch sein kann, und einer wird den andern menschlich demgemäß werten. Der Proletarier wird sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Haltung des Unternehmers nicht notwendig gegen seine Interessen gerichtet sein muß und der Judengegner, der nicht böswillig der Wahrheit sein Ohr verschließt, wird bald gesehen haben, daß alle markt- und mengebeherrschenden Behauptungen von der sittlichen Minderwertigkeit der Juden nur zweckdienliche Märchen sind. Schon durch die Bereitschaft zur Nachprüfung der über einzelne Gruppen und Anschauungen verbreiteten Urteile und Vorurteile werden die nur Unfrieden stiftenden Bestrebungen immer mehr an Boden verlieren. Kritik aus ehrlicher Gesinnung kann zur Besserung des bestehenden Zustandes und zur Abstellung von Mißständen beitragen. Solange aber die Atmosphäre nicht in einem Sinne gereinigt ist, wie wir es hier wünschen, solange wird es nicht möglich feilt, zu unterscheiden, welcher Angriff auf einen herrschenden Zustand der Absicht zu bessern entspricht, und welcher dazu dienen soll, den Unfrieden neu zu schüren, um dann im trüben zu fischen. Wertvolle Energien bleiben so unbenutzt oder gehen ganz verloren. Diese Beobachtungen treffen für das gesamte öffentliche Leben zu. Die Gegnerschaft unter den politischen Parteien beruht zum Teil auf der immer mehr um sich greifenden unritterlichen Verbreitung längst als unwahr erwiesener Darstellüngen in ständiger Wiederholung in Zeitung und Rede. Man mag über den Wert oder Unwert der heutigen republikanischen Verfassung der einen oder der anderen Meinung sein, man mag die Sozialdemokratie hochschätzen oder ihr Programm für die Entwicklung unseres Gemeinwesens als gefährlich ansehen: die Fabeln, die über die Persönlichkeit des Reichspräsidenten Ebert im politischen Leben immer wieder verbreitet worden sind, um Mensch und System zu treffen, haben sicher auf das Aeußerste vergiftend gewirkt. Und geht man auf die Grundfragen zurück, so findet man wieder die gleiche Er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.