KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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46 ist sicherlich gut, daß es sie gibt. Was den einen erregt, läßt viele andere kalt. Liebe und Abneigung werden vorhanden sein, solange es Menschen gibt. Der Inhalt der Seelen wird stets verschieden bleiben. Das Ziel der Wünsche, der Weg der Menschheits-Entwicklung, wird niemals von allen in gleichem Lichte gesehen werden. Diese Erkenntnis schließt aber nicht aus, daß auch im Kampfe der Meinungen eine Rationalisierung eintreten muß, die zum mindesten unnütze Reibungen vermeiden und dort Friede einziehen läßt, wo er lediglich durch den Glauben an die Richtigkeit vorgebrachter Tatsachen gestört ist. Richtung und Inhalt eines Kampfes nur bestimmen zu lassen von dem Wunsche, daß das Ziel erreicht werden möge, gleichgültig auf welchem Wege und mit welchen Mitteln, geht nicht an. Hier darf der Satz nicht gelten, daß der Zweck das Mittel heilige. Es muß vielmehr verlangt werden, daß alle sich von der Richtigkeit jedes einzelnen Beweismittels, das sie ins Feld führen, überzeugt haben. So wird es gelingen, die handgreiflichsteu Unrichtigkeiten auszumerzen, wenn es auch nicht möglich sein wird, eine objektive Wahrheit zu ergründen. Auf diese Weise werden alle die Lügen verschwinden, die eigens erfunden worden sind, um einer ungerechten Sache den Mantel der Gerechtigkeit umzuhängen. Die Meinung weiter Volksschichten wird aus der Belehrung durch Schule, Kirche und Tagespresse geschöpft. Sind die Voraussetzungen, die zum Urteil führen, tatsächlich falsch, so wird der Urteilsbildung die hauptsächliche Stütze entzogen. Auf der Suche nach Wahrheit im öffentlichen Leben wird man bei Nachprüfung der seelischen Grundlagen, aus denen Urteile allgemeingültiger Art zustande kommen, finden: Analysiert man bei einer weit verbreiteten Meinung die Grundlagen, so wird man in sehr vielen und entscheidenden Fällen den Beweis dafür erbringen können, daß diese Meinung nicht gebildet worden wäre, wenn nicht objektiv unrichtige, und zwar nach außen hin als unrichtig leicht erkennbare Behauptungen geglaubt worden wären. Selbstverständlich gibt es eine große Reihe von Tatsachen, die auf ihren Wahrheitsgehalt nicht genau untersucht werden können. Auch wird sehr oft der Wert der Erkenntnisse bestreitbar sein. Schließt man aber alle diese Fälle von der Betrachtung aus, so bleibt doch immer noch ein erheblicher Teil übrig, der zweifellos als Grundlage der Meinungsbildung sehr vieler Menschen anzusehen ist und nachgeprüft werden kann. Eine große Rolle spielt in diesem Fragenkomplex das Problem der Beweislast von Behauptungen. Oft schon wurde von mir darauf hingewiesen, daß in der Bildung der öffentlichen Meinung die Beweislast verschoben wird. Man verlangt von denen, die irgendwie' mit einem Vorwurf bedacht werden, den Beweis, daß dieser Vorwurf nicht zutrifft (probatio ckiabolica), während das natürliche Rechtsempfinden fordert, daß, wer einen Vorwurf erhebt, ihn auch zu beweisen verpflichtet ist. In dieser Frage herrscht eine Verwirrung, die viel zur Vergiftung unserer öffentlichen Meinung beiträgt. Stelle ich irgendeine verleumderische Behauptung aus, z. B. X. ist ein Lügner oder ein Dieb, so wird niemand von X. den Beweis verlangen, daß diese Anschuldigung nicht zutrifft, sondern man wird von mir den Beweis für meine Behauptung fordern. Spreche ich aber allgemeine Arteile aus, wie etwa „die Katholiken sind falsch", „die Evangelischen sind scheinheilig", „den Juden ist es erlaubt, in Prozessen mit Nichtjuden einen Meineid zu leisten", so verlangt man gewöhnlich, daß der betroffene Teil den Gegenbeweis führt. Anser öffentliches Leben bietet hierfür viele Beispiele. Man mag den Wert des Jesuitenordens, je nach der Einstellung des Einzelnen zur katholischen Kirche, ihren Glaubenssätzen und ihren Idealen, verschieden bemessen. Prüft man das Werk von Duhr, „Iesuitenfabeln", so wird sich zeigen, daß zum mindesten viele der Vorwürfe, die zu einer Abwertung des Jesuitenordens im Volke führen, aus unrichtigen Vorstellungen beruhen. Wenn Duhr den Nachweis führt, daß der Grundsatz „Der Zweck heiligt die Mittel" niemals ein allgemeingültiger sittlicher Grundsatz des Jesuitenordens gewesen ist, so kann dieser Nachweis entweder geglückt sein, es kann ein Anentschieden geben oder er kann mißglückt sein. Man müßte aber verlangen, daß diejenigen, die beim Jesuitenorden solche Grundsätze sehen, ihrerseits den Nachweis erbringen, daß ihre Behauptungen in der Oeffentlichkeit auch unwiderleglich wahr sind. Ist aber der Beweis erbracht, daß jener angebliche Grundsatz der katholischen Sittenlehre „der Zweck heiligt die Mittel" nicht vorhanden ist, so wird damit für viele ihr Arteil in bezug auf den Jesuitenorden zum mindesten dieser wesentlichen Stütze beraubt. In katholischen Kreisen findet man manchmal unhaltbare Darstellungen über Leben und Tod Luthers. Legenden sind um die Persönlichkeit des Reformators gebildet worden und schaffen so bei Menschen, denen die Nachprüfung erschwert oder unmöglich gemacht ist — und das sind die meisten —, eine Meinung über Luther, die sich tatsächlich nach keiner Richtung hin halten läßt. Das ist im allgemeinen typisch für die Beurteilung der verschiedenen Bekenntnisse überhaupt. Man sollte einmal eine Auswahl in der Bevölkerung treffen, sollte etwa zwölf