KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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44 wesentlich, ob die zionistische Leitung richtig oder falsch gehandelt hat. Daß ihre Politik unter dem Gesichtspunkt einer größtmöglichen Siedlung unter Wahrung des Friedens mit allen anderen Teilen der Bevölkerung nicht richtig gewesen ist, darüber kann kein Zweifel bestehen. Ausschlaggebend ist, daß, wie auch immer die Dinge sich gestalten, die Lösung der Judenfrage von Palästina nicht ausgehen kann und daß, durch die Macht der Tatsachen gezwungen, der Zionismus dies heute anerkennt, daß er Wege der Palästina-Arbeit gehen muß, die er nur mit den Gegnern der Nationalisierung des Judentums gemeinsam beschreiten kann. Aber ist mit einer Verständigung über die Grundlagen der Palästina-Arbeit über die Einheit des Judentums entschieden? Moses Mendelssohn sagt: ,.3ch verspreche mir von meiner so sehr zerstreuten Nation den Geist der Vereinigung nicht, ohne welchen der überlegteste Entwurf scheitern muß." (Brief an den Mann vom Stande.) Das Judentum kann sich, das hat der von den Zionisten so ungern begangene Weg zur Jewish Agency bewiesen, vereinigen für ein Ideal, für eine soziale Hilsstat, für leidende Glaubensgenossen, aber selbst der Weltkrieg (Moses Mendelssohn hat allein einen Krieg als Möglichkeit der Verwirklichung von Judenstaatsgedanken erkannt) konnte, wie Mendelssohn in diesem Briefe darlegt, nicht diese Einstellung „seiner Nation" ändern. Gewiß ist in der Begeisterung mancher Eröffnungsreden der Agency-Tagung viel von der erreichten Einheit des Judentums gesprochen worden. Aber nichts falscher, als diese als gegeben zu betrachten, als sie als eine universale Einheitsfront anzusehen. Der Zionismus konnte in Palästina Zugeständnisse machen, nicht nur, weil er sie brauchte, wenn er die Palästina-Arbeit nicht verloren geben wollte, sondern weil keine Palästina-Arbeit ihn der Lösung der Judenfrage näherbrachte, weil die Balfour-Deklaration zwar Worte des. Basler Programms wiederholt, aber die Zeit sie ihres Sinnes entkleidet hat, weil neue Ideen über „Volk" und „Nation" dem Zionismus den Weg wiesen, sein Ziel auch im Galuth und vielleicht nur dort zu erreichen zu versuchen. In diesem wesentlichen Punkt aber ist die Einheit nicht erreicht, der Zionismus hat im Gegenteil freie Bahn erhalten. Ein Irrtum wäre es, anzunehmen, daß der Gegensatz im „Galuth", daß unsere innerjüdischen Gegensätze durch eine Verständigung über die Palästinaarbeit beseitigt oder eingeengt werden. Im Gegenteil, der Zionismus wird jetzt nicht mehr mit dem sozialen Hilfswerk, mit dem Appell an das Mitgefühl für die Armen, arbeiten können wie in den letzten Jahren, er wird die Nationalisierung der Juden der Welt wieder sich zum Ziel setzen, der Kampf um das geistige Ghetto, um die „nationale Minderheit", um das „Gastvolk im Wirtsvolk" wird nicht abgeschwächt, er wird verstärkt werden. So ist die Begründung der Agency kein Sieg des Zionismus, denn mit weltanschaulichen Fragen hat sie nichts gemein, gewiß erst recht nicht die Aufrichtung eines geistigen Weltghettos, von un- .sinnigen Phrasen wie jüdischem Weltparlament, Zentrale der jüdischen Weltherrschaft ganz zu schweigen. Der größte Fehler, den das deutsche Judentum in der Angelegenheit der Agency gemacht hat, ist vielleicht der, daß es in allzu starkem Maße die Führung der Verhandlungen den Amerikanern oder richtiger Louis Marshall überlassen hat. Vieles, was heute Gegenstand der Kritik ist, konnte der amerikanische Jude aus seiner weit weniger weltanschaulichen Einstellung viel eher hinnehmen als der deutsche. Vieles wäre vielleicht zu erreichen gewesen, wenn das deutsche nichtzionistische Judentum sich nicht daraus beschränkthätte, in den Tagen der Konstituierung der Agency für oder gegen sie Stellung zu nehmen, sondern in den Tagen, in denen ihre Ausgestaltung noch im Fluß war, bestimmenden Einfluß auf sie zu suchen und zu finden. Heute ist die Angelegenheit keine Frage der Gemeinschaft mehr, die Agency hat sich konstituiert. Heute ist es lediglich die Frage des Einzelnen, ob er bereit ist, unter der neuen Verwaltung seine Stellung zum Palästina-Werk zu wandeln oder ob er den Tag noch nicht für gekommen hält. Der K. C.er wird seine Antwort zu geben haben in dem Bewußtsein beider Verbundenheiten, und darum werden die Antworten verschieden lauten. Ich verhehle nicht, daß nach meiner Auffassung die Chance, die den deutschen Nichtzionisten gegeben ist, für eine Entpolitisierung der Palästinaarbeit, im Geiste unserer Ideen in einer neutral sein' sollenden Körperschaft zu wirken, nicht nur um Palästinas, sondern auch um der Klärung der geistigen Strömungen in Deutschland willen genutzt werden sollte. Die Agency ist auch kein Bankrott des Nationaljudentums, sie soll nach Absicht ihrer Gründer nur eines sein: die Neutralisierung der Palästina-Arbeit. Ob sie diese Aufgabe erfüllen wird, ja erfüllen kann, ob ihr die gleichen Mängel anhaften wie dem Keren Hajessod, darüber sind Zweifel möglich, aber nichts wäre falscher, als diese Beschränkung ihrer Bedeutung nicht zu erkennen; nichts als ein Vorurteil wäre es, wenn man grundsätzlich die Möglichkeit einer Trennung von Nationaljudentum und Palästina nicht anerkennt, wenn man im Gegensatz zu früher