KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
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festen Verbindung zu lösen strebten, in die beide durch die Nachkriegspolitik des Zionismus geraten waren, sie suchten jedes zu verwirklichen mit seinen Gedanken und seinen Mitteln. Für das Palästinawerk suchten sie wieder Anschluß zu gewinnen an die Arbeit der Vorkriegsjahre und unter möglichst weitgehender Wahrung ihres Standpunktes, die Juden aller Richtungen wieder zur Mitarbeit heranzuziehen. Darum schufen sie den Keren Hajessod, das Hilfswerk aller, aber in ihrem noch immer seine Grenzen nicht erkennenden Machtstreben versuchten sie, die. Gesamtheit der Juden ohne Ansehen der Partei zwar zur Aufbringung der Mittel für das Aufbauwerk heranzuziehen, diese Mittel aber allein durch Zionisten nach den Beschlüssen des Kongresses zu verwenden. Viele blieben darum beiseite stehen. Und darum folgte der zweite Schritt: die Agency, die Einsetzung einer von Zionisten und Nichtzionisten besetzten Körperschaft, die auch über die Verteilung der von der Gesamtheit für den Keren Haj?ssod auszubringenden Mittel entscheiden soll, also die Ausschaltung des Zionistenkongresses, der Parteiinstanz, in dieser Frage. Das ist der heutige Stand der Palästinafrage. Um seine Wertung tobt der Streit im Zionismus wie in der übrigen Iudenheit. Ist diese Agency eine Körperschaft, die wir als legitime Arbeitsgemeinschaft Aller für das soziale Werk in Palästina ansehen können, oder ist sie nur — wie der Keren Hajessod nach Meinung vieler es war — Erfüllungsgehilfe für zionistische Parteiarbeit? Ist sie die Aufrichtung einer jüdischen Weltherrschaft, einer Zentrale eines Weltghettos, ist sie die Verwirklichung des zionistischen Endziels. die Erfüllung des nationaljüdischen Ideals, ist sie der Bankrott oder der Sieg des Zionismus? Verschieden lauten die Antworten, verschieden im Lager des Nationaljudentums, verschieden im Lager der Nichtzionisten, verschieden bei Juden und Nichtjuden, verschieden bei Freunden und Gegnern. Verschieden müssen daher auch die Meinungen darüber sein, was werden soll. Auf alle diese Fragen eine Antwort geben, sagen, was das Richtige ist, kann heute niemand, denn wir stehen an einem Anfang, wo es noch nicht möglich ist, zu sehen, was sich als richtig erweisen wird. Doch einiges steht schon heute fest. Sicher haben die Männer im Zionismus recht, die erkennen, daß die Agency — wenn sie die ihr gegebene Macht meistert — dem Zionistenkongreß die Bestimmung über Palästina nimmt?) An 2) Die von Krombach inseinem Bericht in den letzten K. C. - Mitteilungen wiedergegebene Aeußerung von Weizmann zeigt, daß diese Erkenntnis nicht nur bei den Männern um Iabotinsky herrscht. den Männern der Agency', an ihren nichtzionistischen Mitgliedern wird es liegen, inwieweit sie ihre Politik in Palästina durchsetzen, inwieweit die Verwendung der Gelder nach den Grundsätzen erfolgt, wie sie von der amerikanischen Sachverständigen-Kommission entwickelt wurden, inwieweit praktisch die Iewish Agency die Palästinaarbeit neutralisiert. Der Weg ist gewiesen, aber ob er gegangen wird mit aller Konsequenz, das wird weniger an den Zionisten liegen als an den Nichtzionisten, die der Arbeit für jüdische Siedlung in Palästina seit anderthalb Jahrzehnten entfremdet sind. Ob die Iewish Agency allerdings das ideale Instrument ist, die Palästina-Arbeit wieder zu entpolitisieren, die unpolitische Vor- und die parteipolitische Nachkriegsperiode zu einer Einheit werden zu lassen, darüber bestehen Zweifel und Meinungsverschiedenheiten in Deutschland mehr als in jedem anderen Land. Nicht die Einzelheiten sind es, die hierbei entscheiden. Gewiß ist, daß man noch manche Kinderkrankheiten zu überwinden hat, daß die Männer des Zionismus noch nicht erkennen, daß sich manches ändern muß, manches Wort manchen Aufrufes, manches Wort der Verfassung; manche Handlung der zionistischen Partner zeigt, daß man drüben so wenig als möglich von seinen Rechten aufgeben will, verständlich, wenn man bedenkt, daß Palästinaarbeit lange Zeit für den Zionismus das Arbeitsfeld schlechthin war. Es wird Sache der Nichtzionisten in der Agency sein, diesen Wandel der Erkenntnis in die Praxis zu überführen. Der Zionismus ist aus dem Schlagwort wieder zum Problem geworden. Daß Palästina nicht die Heimstätte für das jüdische Volk sein kann, stand für den Kundigen immer fest. Jetzt ist es, wenn auch noch nicht in allen Feinheiten der Nomenklatur anerkannt — die aber doch schon durch die Balfour-Deklaration und ihre Bindungen eingeschränkt ist — öffentliche Tatsache. Gerade vom Standpunkt des Nichtzionisten ist es von Wichtigkeit, dieses Grundsätzliche zu erkennen und nicht die Dinge hinter Augenblicksfragen und Tagessorgen zurücktreten zu lassen. Für diese grundsätzliche Betrachtungsweise ist es vollkommen nebensächlich, ob das Siedlungswerk sich in einer Krise befindet, ob die Araberunruhen Schuld der radikalen Zionisten, der Araber oder vielleicht Schuld der Engländer sind, die einen Bevölkerungsteil gegen den andern ausspielen; für das Grundsätzliche ist es auch vollkommen unwesentlich, wie groß die Siedlungsfähigkeit in Palästina ist, welche Mengen Juden in Palästina angesiedelt werden können, es ist vollkommen un-