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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 42 (sequence 10)
Language
German
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42 streiten, ob die Siedlungen in Palästina eine nationale Heimstätte sind, ob die Ansiedlung einiger weniger — und einige wenige sind die Zahl der Ansiedlungsfähigen — eine Heimstätte für „das jüdische Volk" ist, sondern der Streit ist heute der Streit der Weltanschauungen: „Volk" oder „Religion"; nicht die Frage, ob die Siedlung, wie Herz! es wollte, „Lösung der Iudensrage" ist — in diesem Kampf ist der Zionismus schon unterlegen—, sondern ob die nationaljüdische Ideologie eine Lösung der Problematik des Judentums, ob sie Lösung im geistigen Sinne ist, entscheidet die Stellungnahme zum Zionismus. Hier scheiden sich in Wahrheit die Geister. Daß das nicht eine Antwort von heute, daß Frage und Antwort schon z. Zt. Moses Mendelssohns die gleichen waren, das zeigen die Schriften, die uns über seine Stellung zu Iudenstaats- Ideen von damals hinterlassen sind, seine Antwort auf den uns unbekannten Brief eines „Mannes vom Stande" aus dem Jahre 1770, seine Stellungnahme gegen den Göttinger Theologen Michaelis, und seine Stellung zu einem „Uganda-Projekt" von damals?) Während er in dem Brief an den Mann vom Stande nur auf die praktischen Schwierigkeiten hinweist, aus denen er seine „Nation" nicht für fähig und die Möglichkeit der Durchführung nicht für gegeben hält, heißt es in seiner Antwort an Michaelis: „Die gehoffte Rückkehr nach Palästina, die Lerrn M. so besorgt macht, hat aus unser bürgerliches Verhalten nickt den geringsten Einfluß. Dieses hat die Erfahrung von jeher gelehrt, an allen Orten, wo Juden bisher Duldung genossen, und es ist einesteils der Natur des Menschen gemäß, der. wenn er nicht Enthusiast ist, den Boden liebt, auf welchem ihm wohl ist und wenn seine religiösen Meinungen dawider sind, diese für die Kirche und die Gebetsformeln verspüret und weiter nicht daran denkt, anderenteils aber der Vorsorge unserer Weisen zuzuschreiben, die uns den Verbot im Talmud sehr oft eingeschärst, an keine gewaltsame Rückkehr zu denken; ja ohne die in der Schrift verheißenen großen Wunder und außerordentlichen Zeichen nicht den geringsten Schritt zu tun, der eine gewaltsame Rückkehr und Wiederholung der Nation zur Absicht hätte. . . Und in dem Brief an den Reichsfreiherrn von Monster, der ein zu je 50 Prozent christliches und jüdisches Territorium schaffen wollte, schreibt er 1785, daß er den Wunsch der festgelegten gleichen Zahl von Juden und Christen als Siedler nicht verstehen könne, er rät vielmehr, ganz Weltbürger, ganz Feind des Iudenstaats - „öffentlich anzuzeigcn, unter welchen Bedingungen Sie bereit wären, ohne Unterschied des Glaubens und Nichtglaubens, jeden unbescholtenen Mann zum Staatsbürger aufzunehmen und mit gleichem Recht an allen öffentlichen Wohltaten teilnehmen zu lassen". ') Abgedruckt: Moses Mendelssohn, Zeugnisse, Briefe, Gespräche. Lerausgegeben von Bertha Badt-Strauß, Äeinebund und Weltverlag, Berlin 1929, S. 110 ff. So lehnt Mendelssohn den „Iudenstaat" ab im Brief an den Mann vom Stande, weil er ihn praktisch für unerreichbar hält, gegenüber Michaelis aus religiösen Gründen und formuliert gegen den Reichsgrafen von Monster sein Ideal der Emanzipation. Wenn er trotzdem aber in dem Brief an den Mann vom Stande von der „jüdischen Nation" spricht, dann zeigt sich, daß noch kein Zionist ist, wer dieses Wort gebraucht, sondern daß man zu Fehlurteilen kommt, wenn man nicht prüft, welche Gedanken hinter dem Worte stehen. Mendelssohn, das Kind des Ghetto, kannte nur die „jüdische Nation", das „Gottesvolk", und so gebraucht er solche Ausdrücke sogar dort, wo er die Werdung und Neubildung der Nation ablehnt. Das 19. Jahrhundert brachte nun dadurch eine völlige Veränderung in der Einstellung zu Palästina, daß an die Stelle der romantischen Almosen, der Spenden und kleinen Gaben für ein Säckchen Erde, für ein Zederbüchschen langsam in immer stärker werdendem Maße die soziale Hilfe trat. Philantropen und Organisationen aller Länder begannen zu wetteifern, den Juden im Lande tätige Hilfe 311 leisten, den Pogrom-Opfern eine Heimstätte zu bieten, die Kinder des jüdischen Ostens vor dem grausigen Geschick der zaristischen Greuel zu bewahren. Kaum einer sah hierin judenstaatliche Tendenz. Erst als nach dem Kriege, dank der geschickten zionistischen Politik, England den Zionismus zum Erben aller alten Leistungen reiner unpolitischer Hilfsarbeit einsetzte, wandte sich die nichtzionistische Judenheit von diesem Werk ab. Aber nicht das Werk war es, das zu einem Stellungswechsel zwang, sondern seine Verwalter, die nun als Erfolg feierten, was andere erreicht, und unbemerkt oder doch unbeobachtet bezog der Zionismus die Stellung, die Hilssverein und Allianz ihm übergaben, weil der Aufbau ihrer Heimatländer ihnen dringendere Aufgaben wiesen. Gewiß leiteten die zionistischen Führer andere Ziele: daß sie das Land aufbauen sollten, hatten sie mit ihren Vorgängern gemein, aber was diesen Pflicht religiöser Solidarität war, schien ihnen Weg zur nationalen Einheit. Darum heischten sie das Werk für sich, und die anderen ließen sie gewähren, bis gar bald die Stunde kam, wo auch die Zionisten erkennen mußten, daß man der Lösung Her Judenfrage nicht näher kommt durch Ansiedlung eines kleinen Bruchteils der Juden im Lande der Väter, ja, daß sogar dieses Werk nicht weiter gedeihen kann, wenn man ein soziales Werk zum Gut einer Partei macht. Gewiß, sie erklärten nicht einen Bankrott ihres Systems, aber sie zogen klare Konsequenzen aus der Situation, indem sie Palästina-Problem und Nationaljudentum aus der

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