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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 41

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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* 41 als daß in unseren Reihenwie in denen nnserer Gegner „Vorurteile" sich zeigen, die in der kurzen Spanne seit Mendelssohns Wirken immer wieder aufflackern, denn kurz ist die Zeit, aus die wir zurückblicken, wenn pir bedenken, daß die Hinaussührung aus dem Ghetto, diese Hinaussührung aus einem geistigen Aegypten, vier Menschenalter zurückliegt, eine Zeit, die, gemessen an den Epochen der Weltgeschichte,' kaum in Erscheinung tritt. Man ist versucht, an jenen chinesischen Mandarin zu denken, der, eingangs des 20. Jahrhunderts über sein Urteil zur französischen Revolution befragt, erklärt, daß man erst ihre Auswirkungen abwarten müsse. Sind denn alle die Sorgen des deutschen Judentums, ist all seine Problematik anderes als Auswirkung der gleichen Welle, der französischen Revolution? Gewiß, wir stehen in einer schnellebigen Zeit, jedes Jahr fast bringt auch für uns Juden neue Betrachtungsweisen, neue Moden im Geistigen wie im Körperlichen, aber sind diese Moden mehr als Wellenbewegungen, lassen sie die Richtung der Flut denn schon erkennen? Jede Generation ist geneigt, ihre Sorgen und Nöte besonders hoch zu werten» weil ihr der Abstand fehlt, der eine klare Betrachtung erst ermöglicht. Darum sollte gerade der Mendelssohn-Gedenktag uns veranlassen, Probleme der deutsch-jüdischen Gegenwart zu betrachten am Maßstab der Stellung dieses Mannes, und darum sollten wir versuchen, denn nur ein knapper Versuch kann es sein, zu prüfen, ob uns dieser Vergleich nicht hilft, „Vorurteile" und „Wahrheiten" zu unterscheiden, die im Kampf des Tages nicht klar erkennbar sind. Hierher gehören die Probleme des Nationaljudentums, hierher gehört die Stellung zu Palästina, hierher die Frage der Reinheit der jüdischen Religion, hierher alles das, was den Zusammenklang der deutsch-jüdischen Gedankenwelt umfaßt. Und gerade die erste Reihe dieser Gedanken ist es, die sich uns heute besonders aufdrängt. Viel Begeisterung, viel Kritik, viel unkritische Bewunderung, viel skeptische Ablehnung hat das neue Werk der „Jewish Agency" erfahren. Die Züricher Tagung, die Unruhen in Palästina, der Tod Louis Marshalls, eines Mannes, der als der Repräsentant der Nichtzionisten diese neue Periode der Palästina-Arbeit einleitete, haben weite Schichten der Judenheit und gerade der deutschen Judenheit erregt und zur Stellungnahme herausgefordert. — Was ist hier wahr, was Vorurteil? Was hat Mendelssohn über diese Probleme gedacht? Wie stehen wir zu diesem Werk, wenn wir uns hineinversetzen in seine Gedankenwelt, wenn wir uns freimachen von den Sorgen unserer Zeit? In der Betrachtung dieser Fragen sind es zwei Dinge, die gerade die deutschen Juden — und das ist schon an sich ein Beweis unserer tief innerlichen deutschen Verwurzelung — immer miteinander verquicken: die philosophische bezw. weltanschauliche und die politische bezw. praktische Stellungnahme. Während der amerikanische Jude die praktische Seite als die allein richtige ansieht, sehen wir deutschen Juden als Schüler der deutschen Philosophie auf klare Einheit von Lehre und Leben, vergessen aber oft, daß Angelegenheiten des Herzens und des Verstandes nicht mit gleichen Maßstäben gemessen werden dürfen, wenn nicht die Ergebnisse notwendig zu Jrrtümern führen sollen. Das Palästina-Problem hat in den Jahrhunderten der Geschichte des Judentums, seit Israel aufgehört hat, ein Volk zu sein, im Judentum und erst recht in der Judenheit eine außerordentliche Verschiedenheit der Betrachtung gefunden. Palästina: das war in den ersten Jahrhunderten nach seinem Verlust die Sehnsucht nach der Rückkehr zur staatlichen Selbständigkeit, war im finsteren Mittelalter die romantische Sehnsucht nach geistiger Freiheit, für die der christliche Staat keine Möglichkeit bot, die fülle Sehnsucht eines Gabirol und Jehuda Halevi, die Messias- Hoffnung eines Sabbatai Zwi und ist ein romantisches Ziel geblieben bis in die Gegenwart hinein. Gewiß, immer wieder tauchten phantastische Projekte des Judenstaates auf, und auch an Moses Mendelssohn wurden sie herangetragen. Mit dem Palästina-Problem hatten sie wenig zu tun. Auch der Zionismus Herzls trat mit der Idee des Judenstaates, mit dem Willen zur Lösung der Judenfrage hervor, aber, wenn auch noch nicht eingestanden, auf seinem angeblichen Wege zur Verwirklichung ist er doch schon Geschichte geworden, sind das Basler Programm, die Ausgabe des Nganda-Projekts, die Charter-Periode und erst recht die Balfour-Deklaration und die Agency-Politik doch Stationen des Abbaues, trotz schöner Reden, trotz aller Begeisterung der Chaluzim, trotz aller Fülle der Worte. Was zurückgeblieben ist, ist eine Anpassung an das» was die unromantischen Naturen, was die Jünger Mendelssohns und Rießers Jahrzehnte früher begonnen haben. Der Zionismus in dem Sinne, in dem ereigentlich verstanden werden sollte, ist nicht wiedergegeben mit dem „Basler Programm", wie es heute ausgelegt wird, sondern wie es verstanden werden sollte, als es geschaffen wurde. Nicht darum können Zionisten und Nichtzionisten sich

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