KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 fdjen Gesprächen", klagte: „Werden denn die Deutschen niemals ihren eigenen Wert erkennen?" Oder wenn er den Sprachgebrauch Friedrichs des Großen tadelte: „Welcher Verlust 'für unsere Muttersprache, daß sich dieser Fürst die französische geläufiger gemacht." Aus solchen Aeußerungen spricht wurzelhaftes patriotisches Empfinden. Trotzdem spricht Mendelssohn des öfteren von seiner Glaubensgemeinschaft als von seiner „Nation". Es fehlt somit das volle Bekenntnis zum Deutschtum, das wir bei Gabriel Rießer allenthalben vorfinden. Doch ist dies nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß die weltbürgerliche Atmosphäre der deutschen Aufllärung noch kein ausgeprägtes deutsches Nationalgefühl aufieimen ließ. Erst die Romantik hat es geschaffen. Insofern ist Rießer ein Erbe romanttscher Ueberlieferungen. Die Idee der staatspolitischen Emanzipation der deutschen Juden hatte Mendelssohn mächtig gefördert, indem er Ehr. Wilh. v. Dohm veranlaßte, sein bahnbrechendes Buch „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden" zu schreiben. Von jenem Buche nahmen alle Bestrebungen, den deutschen Juden die Gleichberechtigung zu verschaffen, ihren Ausgang. War es auch noch nicht die volle Gleichstellung, die dort verlangt wurde, so hat sich Rießer in seinen langjährigen und unermüdlichen Emanzipationskämpfen doch zum Herold jener Forderungen, die durch Dohms Mund Mendelssohn stellte, gemacht. Gemeinsame Gedankenmotive lassen sich dabei nicht übersehen. Die tragende Idee der beiderseitigen Kampfeinstellung ist die Fortschrittsidee des Liberalismus. der im Zeitalter Mendelssohns geboren wurde. Die bürgerliche Lebensform erscheint als das Erstrebenswerte. Mit Mendelssohn teilte Rießer die lleberzeugung, daß die innere Emanzipation der deutschen Juden neben der staatsbürgerlichen Emanzipation einhergehen müsse. Somit gewann die Idee der „inneren Mission" Leben. Insofern stand Rießer der. jüdischen Reformbewegung, die Mendelssohn in die Wege geleitet hatte, sympathisch gegenüber. In „Jerusalem" hatte Mendelssohn die Parole ausgegeben, die deutschen Juden sollten sich in die Sitten und in die Verfassung ihres Heimatlandes schicken. Diese Mahnung wiederholte Rießer, als er den Grundsatz vertrat, daß die nattonalen Lebensinteressen Deutschlands den Sonderinteressen der jüdischen Gemeinschaft vorangingen. Die vielbefehdete Idee der Assimilation war damit verkündet. In der Vorrede zu Menasse ben Israels Schrift „Die Rettung der Juden" hatte Mendelssohn ferner den Juden die Verpflichtung, die Angriffe der Judenfeinde abzuwehren» auferlegt. Jene Idee der Abwehr des Antisemitismus hat dann in Rießer ihren machtvollsten Verfechter erhalten. Vor allem war es dieselbe Weltanschauung, die Rießer mit Mendelssohn verband. Es ist die Humanitätsidee, jene idealisttsche Weltansicht der klassischen Epoche des deutschen Geistes, die zwischen beiden die geistige Einheit herstellt und die in Hermann Cohens „Ethik des reinen Willens" ausmündet.. Mendelssohn hat in.„Jerusalem", Rießer in seinen schönen Ausführungen über Lessing und Schiller ihr gehuldigt. Mendelssohn bezeichnet den Anfang, Rießer die Höhe der deutschen Iudenemanzipation. Was dazwischen lag, bezeichnet ihren Niedergang. Angesichts der trüben Flut, mit der der Nationalsozialismus das Festland, das.wir nicht zuletzt durch die Weimarer Verfassung gewonnen haben, bedroht, wäre es gewiß verfrüht, heute schon von einem Ende der deutschen Iudenemanzipation zu sprechen. Die Geschichte rechnet nicht mit Jahrzehnten, sondern mit Jahrhunderten. Wichtiger als unsere gewiß wesentliche Stellung im Staate, in der Oeffentlichkeit erscheint uns jene Gewißheit der Seele, die wir sowohl Mendelssohn als auch Rießer verdanken: unser deutsch-jüdisches Bewußtsein. Probleme -er Zeit. Von Dr. Lermann Berlak (Spr., Fr.-Gh.). Man kann einem verjährten Vorurteile Denkens, das Hinaustreten brachte Konflikte, erst Moses Mendelssohns Werke ermöglichten die Wege. diznr SelbstentLnßernng in der Taufe. Manaffe den Israels ,Rettung der Juden-.) ZUk Abschließung und Entsagung im Natwnal- Wir feiern Mendelssohn gern als den Mann, judentum führten, der uns den Weg aus dem Ghetto eröffnet, als Was ist selbstverständlicher, als daß solche den Mann, der den deutschen Juden geschaffen, „Lösungen" versucht wurden, was einleuchtender, aber er ist auch der Mann, auf dessen Wirken die als daß wir noch mitten in dem Streit uns be- Problematik des deutschen Judentums sich gründet, finden, wie eine Lösung möglich, welche Lösung Das Ghetto war Einheit des Lebens, Einheit des die richtige ist. Was aber auch ist begreiflicher,