KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 39 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Haben scheiterte, so doch wenigstens den Grundsatz der Erneuerung rettete. Von ihm nahm Leopold Zunz seinen Ausgang, jener herrliche Mann, der die jüdische Religion und Theologie zu der modernen Geistesgeschichte in Beziehimg setzte. Von. ihm führt eine Entwicklungslinie rückwärts zu Mendelssohn und vorwärts zu Hermann Cohen. Die Tendenz der Emanzipation, wie Mendelssohn sie gestaltet hatte, erstreckte sich auf die beiden großen Lebensmächte der Kultur und der Politik. Die kulturelle Emanzipation wollte den Juden die deutsche Kultur und Bildung übermitteln. Hierin hatte Mendelssohn Unvergleichliches geleistet, und Zunz wurde auf diesem Gebiete sein ebenbürtiger Nachfolger. Dagegen war die politische Emanzipation in ihrem Bestreben, den Juden die Gleichberechtigung zu verschaffen, noch ziemlich weit von ihrem Ziele entfernt. In dieser Hinsicht wurde — neben dem großen Demokraten Johann Jäcoby — Gabriel Rießer der würdige Erbe und Fortsetzer Moses Mendelssohns. Ihre geschichtlichen Taten ergänzen sich, und wer diese beiden Persönlichkeiten in ihren Motiven erfaßt, hat zugleich die Idee der deutschen Iudenemanzipation begriffen.' Der Ring der Entwicklung wird durch diese beiden allein gewissermaßen geschlossen. Die gemeinsame Grundlage ihrer Ueberzeugungen, die sich ihrer Wirksamkeit entnehmen läßt, sei im folgenden kurz nachgewiesen. Die Religion war diejenige Kulturmacht gewesen, die das Lebenssystem des deutsch-jüdischen Menschen — wie des jüdischen Menschen überhaupt — grundlegend bestimmt hatte. Im Zeitalter der Aufklärung wurde dies anders. Die Verweltlichung aller Lebensformen drängte die Religion aus der beherrschenden Stellung, die sie bisher innegehabt hatte. Eine mehr allgemein menschlich gerichtete Ethik, die die trennenden dogmatisch-konfessionellen Unterschiede aufheben wollte, suchte ihren Platz zu erobern. In den Wirbel jener heftigen geistigen Bewegung wurde auch die jüdische Religion hineingezogen. Die Vertreter der Aufklärung vertraten den Standpunkt, daß die Juden, wenn sie als Gleichberechtigte in das neue Weltalter der bürgerlichen Freiheit eintreten wollten, sich vorher ihrer Religion als eines überlebten Vorurteils entledigen sollten. Nur aus dieser Denklage heraus konnte der führende Theolog der Sentimentalitätsepoche, Lavater, an Mendelssohn die verblüffende Aufforderung richten, er möge dem Glauben seiner Väter entsagen und zu einem mystischuniversal konzipierten Christentum übertreten. Damals schlug Mendelssohn in verschiedenen Streitschriften den Angriff ab. In seiner großen Gedankenfuge „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum",. die am Ende seiner Lebenszeit steht, nahm er das Thema nochmals auf und führte es zu einer endgültigen begrifflichen Klärung. Er wies nach, daß die Religion nicht eine bloße Beigabe, sondern die eigentliche Lebenssubstanz des jüdischen Menschen bilde. Daher sei sie für ihn eine Lebensnotwendigkeit, auf die er selbst um der bürgerlichen Freiheit willen nicht verzichten könne. Nicht träge Gewohnheit, sondern individuelle Ueberzeugung von dem Wahrheitsgehalt seiner Religion bewege den Juden, an ihr.festzuhalten. Andererseits sei die jüdische Religion elastisch und entwicklungsfähig genug, um sich der neuen weltlichen Richtung anzupassen. Jene aus der Gewißheit der Seele quellende Apologie der jüdischen Religion hat Gabriel Rießer sich in vollem Umfange zu eigen gemacht. In dem pathetischen Stile seiner zahlreichen Streitschriften für die Iudenemanzipation wird nachdrücklich der Gedanke verkündet, daß die deutschen Juden lieber auf den Genuß des vollen Bürgerrechts verzichten sollten, falls damit etwa die Preisgabe ihres höchsten Gutes — ihres angestammten Glaubens nämlich — verknüpft wäre. Ferner hat Rießer die Meinung, daß die jüdische Religion sich dem .Charakter des modernen Lebens angleichen könne, mit Mendelssohn geteilt. Er hat damit die Rechtsidee begründet, daß das jüdische Religionsgesetz kein Hindernis für die staatliche Beförderung und staatsbürgerliche Gleichstellung bilde. Mendelssohn hatte die deutsche Sprache als das tragsähigste Medium erkannt, um die deutschen Juden zu vollbürtigen Deutschen zu machen. Seine ausgezeichnete Übersetzung des Pentateuchs und der Psalmen machte in der Tat die neuhochdeutsche Schriftsprache zur Bildungs- und Erziehungsgrundlage der deutschen Juden, sie gab ihnen die Möglichkeit, sich in die unermeßlichen Schätze der deutschen Kultur zu vertiefen. Der feurigen Hochschätzung der deutschen Sprache begegnen wir ebenfalls bei Rießer. Bereits in seiner Erstlingsschrift ruft er aus: „Es ist die Sprache Luthers und Ulrich Huttens, mit deren mächtigen Tönen wir deutsche Herzen für unsere gute Sache zu gewinnen streben müssen." Seit Fritz Mauthners Untersuchung über Muttersprache und Vaterland wissen wir, wie eng das patriotische Gefühl an die Existenz der Nationalsprache gebunden ist. Durch seine zähen Bemühungen um den sprachlichen Ausdruck ist Mendelssohn zum deutschen Nationalschriftsteller emporgewachsen. Er fühlte sich für die deutsche Kultur und Sprache verantwortlich, wenn er bereits in seinem Erstlingswerke, den „Philosophi-