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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 35

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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35 heit,.... daß ich bei meinen Grundsätzen bleiben werde, so lange meine ganze Seele nicht eine andere Natur annimmt." Dieses Wort ist grundlegend für Mendelssohns innere Einstellung zum Judentum. Es ist bekannt, daß er im Zeremonialgesetz das Wesen jüdisch-religiöser Lebensrichtung sieht und in der Praxis auf streng „gesetzestreuem" Standpunkt steht. Aber wer von menschlichen Zusätzen und Mißbräuchen, von schädlichen Menschensatzungen, von Heuchelei und Aberglauben in seiner Religion spricht, kennt nicht mehr die naive Unvoreingenommenheit eines Alltagsgläubigen. Und das „Wesentliche" und die „Grundsätze" des Judentums bedingen schon eine kritische Stellungnahme. Daß er wirklich bereit war, Mißbräuche abzuschafsen, sobald sich dazu Gelegenheit bot, zeigt sein Verhalten gegenüber der Verordnung des Herzogs von Mecklenburg- Schwerin, der den Juden seines Landes verbot, künftig, wie bisher, die Toten sofort zu begraben. Mendelssohn, von der Gemeinde mit Bitten bestürmt, für die Aufhebung des Edikts sich einzusetzen, gab der Regierung recht und trat, um die Gefahr des Scheintods zu vermeiden, für eine Bestattung erst am dritten Tage nach dem Ableben ein. Man sieht, wie schon durch Mendelssohn in das Gebäude des Judentums, unmerklich zuerst, eine kleine Bresche gelegt war, die nur durch die einheitliche Persönlichkeit des Weltweisen ausgefüllt wurde. Durch Denken und Philosophie war bei ihm der Zusammenklang von Kultur und Religion, von Welt und Ueberwelt erreicht. Hätte er geschichtliches Verstehen gehabt, das ihm nach seinem eigenen Geständnis abging, so wäre der Riß deutlich geworden. Auch seine Jünger und Freunde waren in ihrer Geistesrichtung nicht historisch eingestellt und huldigten dem unbedingten Rationalismus, dem überdies die vorsichtige Behutsamkeit des Meisters fehlte. Sie zogen aus dem Wirken Mendelssohns die Konsequenzen, die er selbst gescheut hatte, indem sie die Bildung und Allgemeinkultur in den Vordergrund rückten. Das Judentum kam dadurch ins Hintertreffen. In ihnen lebte der vorwärtsstürmende Reformatorengeist, der aber in den dem Alten ergebenen jüdischen Massen keinen Resonanzboden fand. Die innere Wiedergeburt des Judentums wurde überdies durch die politischen Umwälzungen verzögert, die in Europa durch die große französische Revolution von 1789 hervorgerufen wurden. Aus Deutschland und vor allem auf Preußen lastete die Hand Napoleons. Die äußere Befreiung stand im Vordergrund des allgemeinen Interesses. Auch die Juden erwarteten die soziale und politische Eingliederung in das Staatsbürgertum und die Erlösung vom Druck -der Judengasse. In der Generation nach Friedrich dem Großen war die Macht des Verstandes der Herrschaft des Gefühls gewichen: die Romantik brach an. Aber auch die Geisteswissenschaft gelangt auf die Höhe und mit ihr geschichtliches Begreifen. Romantik und historische Wissenschaft mußten auch aufs Judentum einwirken und verwandelten sich auf diesem Boden in Orthodoxie und Reform. Zum ersten Male in der Entwicklung des jüdischen Geistes brechen die beiden Richtungen im Judentum in bewußter Klarheit durch. Sie sind die volle Konsequenz des Mendelssohnschen Standpunktes und gehen an dem Moment auseinander, zu dem er kein Verhältnis' gewinnen konnte: an der geschichtlichen Orientierung des modernen Geistes. Abraham Geiger will die Umgestaltung des Judentums durch historische Theologie, Samson Raphael Hirsch durch romantische Vertiefung in die Gesamtheit des jüdischen Gesetzes. Dort ein Herantragen des allgemeinen menschlichen Geistes an die religiöse Theorie und Praxis, hier ein Sichzurückziehen auf die jüdische Sonderart. Beiden Auffassungen ist das Streben nach Schönheit in dem äußeren Ausdruck des Judentums gemeinsam. Auch die neue Orthodoxie kann der unschönen gottesdienstlichen Form keinen Geschmack mehr abgewinnen. Sie trägt dem ästhetischen Gefühl im Sinne der modernen Lebensrichtung Rechnung. Damit ist als Weiteres gegeben der Eingang der reindeutschen Sprache in den Gottesdienst. In der Reform ein stärkeres Eindringen dieses Elements, um die religiöse Uebung zu verlebendigen, in der Orthodoxie ein langsames, widerwilliges Nachgeben in der Gestalt der deutschen Predigt, um sich in der Förderung des religiösen Lebens verständlich zü machen. Ferner liegt es im Wesen der Neuorthodoxie, das Judentum vernunftgemäß zu erfassen, soweit der Mensch die Gründe des göttlichen Gesetzes finden kann, wenn auch der Gehorsam gegen das Gesetz unbedingt sein muß und vom menschlichen Verstehen unabhängig ist. Aber immerhin muß Gedankenlosigkeit fernbleiben, soll anders die religiöse Praxis ihren vollen Wert haben. Endlich erstreben beide Religionsansichten den Bund mit der allgemeinen Kultur. Auch S. R. Hirsch will kein „Feind und Gegner der Zivilisation und Bildung" sein. Schars aber saßt er einmal seinen Standpunkt gegenüber den Anhängern des absoluten Glaubens an die Kultur: „Sie wollen die Religion im Bunde mit dem Fortschritte, wir aber wollen den Fortschritt im Bunde mit der Religion. Ihnen ist der Fortschritt das Absolute und die Religion das dadurch Bedingte, lins ist die Religion das Absolute und der Fortschritt das durch sie Bedingte.

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