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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 34

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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sß t?' 34 Moses Mendelssohn als Korlanfer des nenen religiösen Indenlnms. Von Rabbiner Dr. Arthur Löwen stamm (Berlin-Spandau). Es liegt im Wesen des Reformators, an dem Bestehenden zu rütteln und Revolution zu machen. Die Vergangenheit wird ganz oder zum bedeutenden Teil negiert und eine neue Gegenwart und Zukunft gefordert und durch Manifeste vorbereitet, die Grundlagen für das neue Leben schaffen sollen. Es ist von jeher darauf hingewiesen worden, daß Moses Mendelssohn in diesem Sinne niemals der Reformator des Judentums gewesen ist und nicht im entferntesten sein wollte. Er scheute den Kampf und war ein Feind. jeder Gewalt in den Angelegenheiten der Gesinnung und des Geistes, der Religion und Moral. Ihm war jene Keuschheit zu eigen, die die tiefste seelische Einstellung des Andern unbedingt achtete, wie er die sittliche Rücksicht auf seine Besonderheit erwartete. Wie vieles mißfiel ihm an dem unruhigen Lessing, mit dem er ein Menschenalter in nie gestörter Freundschaft verbunden bleiben konnte, nur weil er der Eigenart seines genialen Freundes aus moralischem Taktgefühl heraus gerecht wurde, ohne sie je zu verletzen. Er vermied vor allem jede Kampfftellung in Sachen der Religion: seinen jüdischen Gegnern gegenüber die personifizierte Milde und vor seinen christlichen Freunden nie sein Judentum zur Schau tragend oder die andersartige religiöse Ueberzeugung bekämpfend. Aus dieser inneren Harmonie seiner geistigen Lebensrichtung heraus ist die unheilvolle Wirkung auf seinen Geist und Körper zu begreifen, die die Zumutung Lavaters auf ihn ausübte. Mendelssohn und Lavater waren hier die stärksten Gegensätze: dieser ein Fanatiker, der mit roher Hand in die zentralen Urgründe der anderen Seele hineingreift, jener der behutsame Weltweise, der, fest in seiner mühsam errungenen Aeberzeugung, den Glauben und die Treue des Mitmenschen achtet. Daher war Mendelssohns Geistesart zum normalen Reformator nicht geschaffen. Dennoch ist er der große, unbestrittene Umgestalter des Judentums geworden, weil es noch einen anderen Typus für die Aenderung des Gemeinschaftslebens gibt: das ist der indirekte des bedeutenden Beispiels, das sich als leuchtendes Symbol vor dem Betrachter erhebt und durch die Sichtbarkeit und Lebendigkeit der Erscheinung stärker wirkt als das Wort, und mag es selbst mit dem Herzblut geschrieben sein. Er hatte in sich eine, wenn auch höchst persönliche, Vereinigung von Religion und Kultur, von Judentum und Deutschtum geschaffen, die die freudige Anerkennung des gelehrten Europa und der christlichen Welt fand. Schon sein ganzes literarisches und geselliges Leben hatte mit der Zurückgezogenheit des deutschen und Polnischen Ghettojudentums gebrochen. Die Reinheit seiner Sprache und seine Stilkunst allein schon bedeutete eine Abwendung von der bisherigen jüdischen Art. Und nachdem er die Synthese von Religion' und Kultur vorgelebt, nachdem sie in seiner Lebenspraxis die Feuerprobe bestanden hatte, hellte er sie in der Theorie auf und schrieb zu seinem geistigen Dasein einen Kommentar: „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum". Hier ist der Gedanke der Freiheit für Staat und Kirche zum Siege gebracht und die Forderung echter Toleranz für Gedanke, Gesinnung und Gewissen erhoben und begründet und lebendige Religiosität als Ziel des inneren Menschen hingestellt. Auf das Judentum übertragen, gewinnen diese Ueberzeugungen für Mendelssohn die Gestalt, daß er die Dogmenlosigkeit seines Glaubens behauptet und in ihm ewige Vernunftwahrheiten, Geschichtswahrheiten und eine göttliche Gesetzgebung unterscheidet, wobei er aber Handlungen ohne Gesinnung für wertlos erachtet. Weil er aber jeden Zwang im religiösen Leben vermieden sehen will, geht er auch in der inneren Umformung seiner Glaubensbrüder den indirekten Weg, den seine Uebersetzung der Bibel bedeutet. So muß Moses Mendelssohn durchaus als ein konservativer Denker angesprochen werden. Dennoch lag schon in jener eben angeführten Dreiteilung des jüdischen Glaubensgutes eine Art wissenschaftlicher und methodischer Erfassung des Judentums, und man kann darin schon etwas von einem Minderwert des einen oder anderen -Teiles finden. Berücksichtigt man vollends die berühmte Stelle aus dem Brief an Lavater, so muß man zu der Ansicht gelangen, daß Mendelssohn nicht ohne Kritik dem Judentum gegenüberstand. „Ich werde es nicht leugnen, daß ich bei meiner Religion menschliche Zusätze und Mißbräuche wahrgenommen, die leider! ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln. Welcher Freund der Wahrheit kann sich rühmen, seine Religion von schädlichen Menschensatzungen frei gefunden zu haben. Wir erkennen ihn alle, diesen vergiftenden Hauch der Heuchelei und des Aberglaubens, so viel unserer sind, die wir die Wahrheit suchen, und wünschen, ihn ohne Nachteil des Wahren und Guten abwischen zu können. Allein von dem Wesentlichen meiner Religion bin ich so fest, so unwiderleglich versichert, als Sie oder Herr Bonnet nur immer von der Ihrigen sein können, und ich bezeuge hiermit vor dem Gott der Wahr-

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