KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 103 (sequence 103)
- Language
- German
- Belongs to
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(127) 108 Die rnillelalterLichen Wanderungen der deutschen Juden nach dem Osten Von. Geh. Archivrat Dr. A. Warschauer. In der historischen Literatur findet man vielfach die Angabe, daß die Juden in dem Schrecken, den die Kreuzfahrer am Ende des 11. Jahrhunderts über sie gebracht haben, ihre deutsche Heimat verlassen hatten uüd nach dem Osten ausgewandert waren. Es ist dies aber eine ungerechtfertigte Annahme, die aus keiner gleichzeitigen Quelle sich herleitet. Sie konnte auch nur von Geschichtsforschern ausgesprochen werden, die mit der alten Geschichte der slavischen Länder selbst unbekannt waren. Die Kultur- und Rechtszustände jener Länder waren in dieser Zeit noch derartig, daß sie weder einer umfassenden christlichen noch jüdischen Einwanderung Gastfreundschaft gewähren konnten. Die Juden hätten damals in diesen Ländern ebenso wenig Aufnahme und eine Grundlage für ihre Existenz gefunden, wie dies noch bis vor wenigen Jahrzehnten in China und Japan der Fall war, und tatsächlich sind auch alle urkundlichen Erwähnungen von Juden in den Slavenländern bis zum zwölften Jahrhundert so ganz vereinzelt und so gefaßt, daß sie die Anwesenheit einer zahlreichen und seßhaften jüdischen Bevölkerung dort ausschließen. Erst im dreizehnten Jahrhundert treten die Juden in den historischen Quellen der Slavenländer auf und beginnen eine Rolle in ihrer Geschichte zu spielen. Es wurden Gesetze für sie gegeben, es bildeten sich, wie überall und zu allen Zeiten, wo Juden in größerer Menge unter den Christen zusammensaßen, Parteiungen und Anschauungen für und gegen sie. Aber mit derselben Plötzlichkeit traten in jener Zeit auch die christlichen Einwanderer und Kolonisten in den Slavenländern auf, so daß ein Zusammenhang zwischen der Einwanderung der deutschen Christen und derjenigen der deutschen Juden nicht zu verkennen ist.H Es handelt sich hier also garnicht um isolierte Wanderungen der Juden, sondern um einen allgemeinen deutschen Kolonistenzug nach dem Osten, über dessen Charakter wir uns zunächst verständigen müssen. H/Vergleiche über diese Zusammenhänge auch Caro „Polnische Juden" in: Vorträge und Essays, Gotha 1906. S. 110 ff. Wir stehen hier vor einem der großartigsten Ereignisse der mittelalterlichen deutschen Geschichte, einem Ereignisse freilich, das sich nicht in lärmenden Katastrophen und glänzenden Wafsentaten, sondern meist in den Niederungen des Bürger¬ und Bauernstandes langsam aber stetig mehrere Menschenalter hindurch abgespielt hat. Der Grund dieses allgemeinen Zuges nach dem Osten war die Verschlimmerung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland, die Uebervölkerung, die zunehmende Verteuerung von Grund und Boden und somit der ersten Lebensbedürfnisse. In den slavischen Ländern aber erwachte die Kultur erst, da war unkultiviertes Land noch billig zu haben und wurden Arbeitskräfte gesucht. Die Menschen, die in Deutschland wirtschaftlich bedroht waren, wunderten im 13. Jahrhundert nach dem Osten, ganz ebenso wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Deutschen unter gleichen Verhältnissen des wirtschaftlichen Druckes nach Nordamerika gewandert sind. Diese Wanderungen waren so stark, daß sie ganze Länder, wie Schlesien, Pommern, Preußen, fast gänzlich germanisiert haben, andere, wie Böhmen, Ungarn und Polen, stark mit deutschen Elementen durchsetzten. Bekanntlich reden noch heute gewissermaßen die Steine davon. Wenn man in irgend eine alte Stadt östlich der Elbe und Oder kommt, so begegnet man fast stets demselben Stadtbild, in der Mitte dem viereckigen Marktplatz, von dem aus regelmäßig die Hauptstraßen bis zur Stadtbesestigung laufen. Städte, die so nach einem bestimmten Schema, gewissermaßen mit Richtscheit und Zirkel gebaut sind, haben sich natürlich nicht allmählich entwickelt, sondern sind auf einen Schlag erwachsen. Sie zeigen die typische Form der deutschen Kolonialstädte des slavischen Ostens. In diesen Städten, umschlossen von Wall und Graben, wohnten die deutschen Kolonisten, getrennt von den Slaven, mit denen sie auch im Rechtsleben keine Gemeinschaft hatten, denn jedesmal, bevor die Deutschen im Slavenlande eine solche Stadt gründeten, ließen sie sich von den Landesherren das feierliche Versprechen geben und durch eine Urkunde verbriefen, daß sie unter sich in der zu erbauenden Stadt nach deutschem Recht und nicht nach slavischem leben dürsten. Gewöhnlich wurde speziell