KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 102 (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
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102 (126) und Rasse decken sich in historischer Zeit nirgends; dieselben Sprachen können von verschiedenen Rassen gebraucht werden (man denke ans Englische!), oder die gleichen Rassen können verschiedene Sprachen verwenden (man denke an die Negersprachen!). Man muß sich auch hüten, den von Sprachforschern erschlossenen Sprachfamilien allzuviel praktische Bedeutung beizulegen. Das angebliche „Ariertum" der Europäer hat sie nie gehabt. Es ist seit einem Menschenalter, besonders seit Chamberlains „Grundlagen" zu einem Mythus erhoben worden, mit dem ein fast religiöser Kultus getrieben wird. Bei Einsichtigen, denen die praktische und theoretische Nichtigkeit dieses Mythus bekannt ist, kann er zu keiner politischen Bedeutung gelangen. Nur politische Kinder — und das sind leider viele Deutsche — können aus ihm Folgerungen für ihr Verhalten ihren jüdischen Mitbürgern gegenüber ziehen. Die „Arier" schreiben sich eine vermeintliche Adelsqualität zu, die nie und nirgends in diesem Umfange bestanden hat. Wohl mögen in ferner Vorzeit arische Herrschergeschlechter mit ihren Gefolgsleuten viele asiatische und europäische Urvölker unterworfen und ihnen ihre Sprache aufgezwungen haben. Aber sie sind im Laufe der Zeit spurlos in den bodenständigen Rassen aufgegangen. Wie ihre körperliche Erbschaft verschwunden ist, so stammt auch der geistige Inhalt unserer Kultur zum größten Teil nicht von den arischen Eroberern, sondern von unarischen Völkern (Sumerern, Semiten, Aegyptern) oder von Mischkulturen, wie der hellenischen, her, wobei die Arier die Empfangenden, nicht die Gebenden waren. Die primitive ritterlich-kriegerische Kultur der Arier ist längst untergegangen; aber die von den semitischen Völkern nach Europa verbreitete, nichtarische Kultur beherrscht unser Denken heute viel mehr als jene, wie ein Blick in unsere profane oder religiöse Literatur zeigt. Die Juden Deutschlands sind also weder rassenhaft noch kulturell von den „Ariern" wesentlich verschieden, da es solche längst nicht mehr gibt. Wenn ein antisemitisch denkender Deutscher sich als „Arier" fühlt, so gibt er sich einer Selbsttäuschung hin.