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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 101

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 101 (sequence 101)
Language
German
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(125) 101 Behauptung aufgestellt, die bei Tacitus erwähnten Texuandrer an der Rheinmündung seien kleinasiatischen Ursprungs. Es ist auch keineswegs ausgemacht, daß die Etrusker vor den Italikern, einem indogermanischen Stamm, in Italien eingewandert sind, wie der bekannte Prähistoriker C. Schuchhardt jüngst behauptet hat. Wir wissen absolut nicht, wann die Indogermanisierung Italiens begonnen hat, und es stehr nichts im Wege, letztere von Osten her, die Etruskisierung von Westen her als zeitweilig parallelen Vorgang anzusehen. Daß etruskische Kultur und etruskische Sprache die Römer bis in die Kaiserzeit nachhaltig beeinflußt haben, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Wenn nun Schuchhardt auf Grund seiner Annahme, die Etrusker seien westeuropäischen Ursprungs wie die Iberer und Ligurer, aus archäologischen Gründen zur Aufstellung einer umfassenden vorindogermanischen europäischen Sprachfamilie gelangt, so ist diese Theorie nicht durch sprachliche Beweise gestützt. Zunächst kann aus kulturellen Aehnlichkeiten niemals auf sprachliche Uebereinstimmung geschlossen werden. Könnte das Kapitol in Washington nicht ebenso gut in Italien stehen? Sind deshalb beide Nationen sprachengleich? Worin unterscheidet sich ein türkisches Gewehr von einem französischen? Sind unsere deutschen Rasierapparate viel anders als die amerikanischen? Ganz ähnlich müssen wir uns die Verhältnisse in der Vorzeit denken. Kulturelle Errungenschaften, wie Hausformen, Gefäße, Waffen, Trachten, wandern von Volk Ju Volk, werden durch den Handel verbreitet und nachgeahmt. Die verschiedene Sprache hindert diesen Austausch keinesfalls, so wenig wie Sprachgleichheit übereinstimmende Kultur erfordert. Es ist Schuchhardt wohl nicht bekannt, daß auch von seiten der Sprachforscher in den letzten Jahren Versuche gemacht worden sind, eine vorindogermanische sprachliche Einheit Europas zu konstruieren. Der Petersburger (Leningrader) Gelehrte Nikolaus Marr und der in Leipzig als Emigrant lehrende Professor Friedrich Braun haben die Hypothese einer „japhetiischen" Sprachfamilie aufgestellt, die vom Kaukasus über das Etruskische bis zum Baskisch-Iberischen reichen sollte und vor der Indogermanisierung Europas diesen Erdteil sprachlich geeint habe. Den strengen Beweis für ihre Hypothese sind uns die genannten Gelehrten bis jetzt schuldig geblieben. Aus diesem Grund und aus theoretischen Erwägungen ist sie daher von allen andern Sprachforschern abgelehnt worden. Denn nach den Zuständen in anderen Erdteilen, wo sich noch Reste primitiverer Völker erhalten haben, ist für das vorindogermanische Europa keine sprachliche Einheit, sondern sprachliche Mannigfaltigkeit anzunehmen. Wir wissen, daß z. B. der Norden Europas durch den ausgedehnten herkynischen Wald von Mitteleuropa noch zu Cäsars Zeiten bis auf die wenigen Handelsstraßen längs der Flüsse abgeschlossen war. Wie soll dies Gebiet also in eine Sprachgemeinschaft mit dem Süden einbezogen worden sein? Ohne Verkehr kein Sprachaustausch! Noch heute zerfallen die Sprachen der Indianer in Amerika in eine unendliche Zahl von Gruppen, die ganz isoliert voneinander sind. Aehnlich war es bis zu dem Vordringen der Bantu-Sprachen in Zentralafrika, wo die vielen Negerstämme eine Anzahl von verschiedenen Sprachen redeten, so daß oft nahe gelegene Dörfer sich nicht verständigen konnten. Ebenso sprechen die Eingeborenen von Australien, die kulturell auf einer gleichmäßig niedrigen Stufe stehen und zum Teil noch in einem Steinzeitalter leben, eine Anzahl verschiedener Sprachen, die eine Verständigung zwischen den einzelnen Stämmen derart unmöglich machen, daß sie sich einer Taubstummensprache' bedienen, wenn sie miteinander verkehren müssen. Nach diesen Analogien müssen wir die Sprachverhältnisse in dem dünn besiedelten Europa der Stein- und wohl noch der Bronzezeit beurteilen. 2m Verlauf der letzteren Periode begann die Indogermanisierung Europas, die anfangs nur langsame Fortschritte machte, da sich überall, wie wir gesehen haben, noch vorindogermanische Sprachen erhielten. Erst die Ausbreitung des Lateinischen im Gefolge des römischen Reiches, des Griechischen durch den Hellenismus, später des Germanischen durch die Völkerwanderung, des Slawischen in einer wenig späteren Zeit gestalteten das sprachliche Bild Europas einheitlicher, so, wie wir es oben geschildert haben. Größere Veränderungen sind für die nächste Zukunft kaum zu erwarten; vielleicht wird das Russische sein Gebiet auf Kosten des Finnisch-Ugrischen und des Tatarischen noch ausdehnen können. An eine sprachliche Vereinheitlichung, d. h. völlige Jndogermanirung Europas, ist vorerst noch nicht zu denken. And das trotz des gewaltigen Aufschwunges aller Verkehrsmittel, wodurch die schon geringen Entfernungen auf unserem kleinen Kontinent noch mehr zusammenschrumpfen. Eine „völlige Arisierung" Europas ist also weder in der Vorzeit vorhanden gewesen noch für die nächste Zukunft bevorstehend. And wäre eine solche auch einmal zu erwarten, so könnte sie sich doch nur auf eine sprachliche, nicht auf eine rassenhaste Einheitlichkeit erstrecken. Denn Sprache

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