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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 100

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 100 (sequence 100)
Language
German
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100 (124) ZUM »,Arier"-Vrovleiu In Europa Von. Dr. Sigmund F e i st, Berlin. Wenn wir eine Sprachenkarte des heutigen Europa überblicken, so finden wir, daß der größte Teil von Sprachen eingenommen wird, die wir als „indogermanische" zu bezeichnen gewöhnt sind. Diese Benennung will freilich nur besagen, daß sie vor vielen tausend Jahren zusammenhingen, eine gemeinsame, hypothetische Stammutter, die indogermanische „Ursprache", hatten, von deren Nachstufen aus wir ihre Entwicklung, soweit uns schriftliche Denkmäler vorliegen, überblicken oder, wo diese fehlen, mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit erschließen können. Eine Einheit bilden diese „indogermanischen" Sprachen längst nicht mehr, sie haben sich im Laufe der Zeit soweit auseinandergelebt, daß weder ein Italiener einen Schweden noch ein Spanier einen Russen versteht. Ja, selbst innerhalb engerer Sprachkreise ist die Verständigungsmöglichkeit nicht durchweg gegeben; so wenig ein Schweizer einen Holländer versteht, ebenso wenig verständigt sich ohne weiteres ein Elsässer mit einem Ostpreußen, wenn sie sich nicht eines Bindemittels, der hochdeutschen Umgangssprache, bedienen. Die indogermanische Spracheinheit ist also eine theoretische Forderung, keine tatsächliche Wirklichkeit. Von einer rassenhaften Einheit der heute Europa einnehmenden indogermanischen Völker kann noch viel weniger die Rede sein. Reben den indogermanischen Sprachen gibt es in Europa nämlich noch heute zum Teil recht beträchtliche Reste anderer Sprachfamilien. Wenn wir von den Lappen im äußersten Norden Europas absehen, so stoßen wir in Finnland und Rußland auf die Gruppe der finno-ugrischen Sprachen (das Finnische, Mordwinische, Tscheremissische usw.), zu der auch das Ungarische im Herzen Europas gehört. In Südrußland finden wir neben dem Tatarischen die zahlreichen kaukasischen Sprachen (das Georgische, Mingrelische, Swanische usw.); in der Südostecke des Balkans das Türkische, und nördlich und südlich der Pyrenäen das Baskische. Rach vielen Jahrtausenden einer nach Einheit strebenden Sprachentwicklung sieht unser altes Europa doch in linguistischer Hinsicht noch etwas bunt aus. Diese Buntheit war in alter Zeit noch weit größer, und doch haben wir nur von wenigen der untergegangenen Sprachen historische Kunde; viele sind ins Meer der Vergessenheit getaucht, ohne deutlich sichtbare Reste ihres Daseins zu hinterlassen. Ueberliefert sind uns Namen (Ortsnamen u. dgl.) und sonstige Reste mancher europäischer Ursprachen. Zu nennen sind: das Iberische in Spanien, das Ligurische in Südwestfrankreich und an der tyrrhenischen Küste; das Etruskische in Mittel- und Norditalien bis zu den Alpen; das Rätische in den Alpen; das Sikulische auf Sizilien; die vorgriechischen Sprachen (Pelasgisch, Karisch usw.) im Umkreis der Aegäis. Nichts wissen wir über die Sprachen der Urbewohner Nordfrankreichs (Gallier?), Mittel- und Nordeuropas vor der Indogermanisierung dieser Länder, da sie erst spät, manche erst kurz vor oder sogar erst nach Christi Geburt aus dem Dunkel einer geschichtslosen Vorzeit auftauchen. Von allen europäischen Ursprachen tritt uns zunächst das Vorgriechische (die Sprache der Pelasger, Karer, Legeler und anderer Völker) einigermaßen greifbar entgegen. Wir erschließen aus der Uebereinstimmung von Orts-, Fluß- und Gebirgsnamen oder aus ihrer gleichartigen Bildung in Griechenland und Kleinasien eine vorgeschichtliche Spracheinheit dieser Gegenden. So gibt es einen Berg Olymp in Thessalien und in Kleinasien; das Suffix des griechischen StädtenamensI^Orintliosist dasselbe wie bei Isindos in Lydien (mit einer kleinen Lautverschiedenheit) und zahlreichen anderen gleichgebildeten Städtenamen Kleinasiens. Wenn sich im Griechischen ein Wort asaminthos (mit demselben Suffix) für die Badewanne findet, so ist dies offenbar eine Entlehnung aus dem kulturell hochstehenden ägäischen Kulturkreis; denn die einwandernden Indogermanen werden solche Luxusgeräte kaum mitgebracht haben; aber in den minoischen Palästen auf Kreta werden sie angetroffen. Nach der klassischen Ueberlieserung hängen die Etrusker, von deren Sprache erst einige Worte sicher gedeutet sind, irgendwie mit diesem Kulturkreis zusammen, da sie aus Kleinasien nach Mittelitalien eingewandert sein sollen. Es liegt kein Grund vor, diese Neberlieferung als unglaubwürdig anzusehen, da sich in ältester Zeit die Kolonisierung auf noch viel weitere Strecken ausdehnte. Man denke an die spanischen Kolonien der Phönizier (Gades, Tartessos), und neuerdings hat ein sehr vorsichtiger Germanist die

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