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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 95

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 95 (sequence 95)
Language
German
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(119) 95 stellung, daß ein deutscher Dichter „immerhin" eine jüdische Großmutter haben solle, genügt, diesen zu verurteilen und abzulehnen — mit einem solchen Monomanen gibt es keine Verständigungsmöglichkeit —. Ihn in ernsthafter, wissenschaftlicher Auseinandersetzung sachlich widerlegen, mit ihm über die Berechtigung seiner ganzen Fragestellung rechten zu wollen, wäre vergebliches Beginnen und damit müßig. Dagegen Hilst vielleicht ein herzhaft befreiendes Lachen! Fragwürdig bleibt, ob solchen Wissenschaftern „die subjektive Ehrlichkeit und eine gewisse Sachlichkeit des völkischen Glaubens — eher die Beschränktheit als die Niedertracht"3) zuerkannt werden darf. Die außerordentliche Ausbreitung und Gefährlichkeit der geistigen Erkrankung unserer Zeit beweist erst die Tatsache, daß judenfeindliche „Gesinnung" sogar in die ernsthaften Bezirke echter Wissenschaft einschleicht, hier handelt es sich weder um Schriften, die pathetische Verkündung der Judenseindschaft wissenschaftlich maskieren, noch um in der Absicht eindeutige literarische Erzeugnisse von antisemitischen Wissenschaftern: gemeint sind Arbeiten anerkannter Fachgelehrter aus ihrem eigensten Wissenschaftsbereiche, in denen antisemitische Gesinnung zum Durchbruch kommt. Sehr häufig sind es wirklich bedeutsame und einwandfreie wissenschaftliche Untersuchungen, und es ist ein erstaunlicher, um nicht zu sagen ein unbegreiflicher Vorgang, wie urplötzlich alle ruhige Sachlichkeit und selbstverständliche Wahrhaftigkeit aufzuhören scheint, sobald es sich um Fragen des Judentums handelt. Was geht da vor? Die wissenschaftliche Verfahrensweise zerbröckelt ganz offensichtlich, die verpflichtenden Voraussetzungen der Methode werden beseitigt und sittliche Hemmungen ausgeschaltet. Die eigne religiös, politisch oder sozial bedingte Position rückt in den Mittelpunkt aller wertvollen Bezogenyeil, während Juden und Judentum in den Schatten aller Wertlosigkeit und Minderwertigkeit gedrängt werden. In diesem Verhalten entblößt sich selbstgerechter Dünkel und geistiger Hochmut, die den Verurteilenden der Pflicht eignen gewissenhaften Urteils enthebt. Statt sorgfältigster Zusammenfassung aller Elemente zur Fundierung eines gesicherten und notwendig wertfreien Urteils, wird gewollt eine einseitige Auswahl getroffen und daraus ein abwertendes Scheinurteil erschlichen. Die Zeugnisse der Vergangenheit und die Erscheinungen unmittelbarer Wirklichkeit der Gegenwart werden zurechtgebogen, verzerrt und ent- 3) Voßler, K.: Iüd. Herkunft und Literaturgeschichte in „Der Morgen", 2. Jahrgang, Lest 5, Seite 427 ff. stellt: Lin Kinderschreck, ein Popanz taucht auf, ein fertiges Klischee der „Jude" steht vor uns, Dabei ist deutlich zu erkennen, wie diese judenseindlichen Aeußerungen aus dem Rahmen der übrigen Arbeit herausfallen. Während in diesen Werken der Gegenstand wissenschaftlicher Methode gemäß unter stetiger Kontrolle des forschenden Gewissens erfaßt, in seinen Wesenszusammenhängen, seiner besonderen Artung und Formung erkannt und aus innerster Verbundenheit begriffen und gestaltet wird, zerreißt sofort bei der Berührung mit den Erscheinungen des historischen oder gegenwärtigen Judentums die sonst klare und ruhige Bindung zwischen urteilendem Subjekt und zu beurteilendem Gegenstand. Run ist es nicht mehr Pflicht, aus reinen und ursprünglichen Quellen selbst zu schöpfen und vorliegendes Material auf seine Gesichertheit und Beweiskraft zu prüfen, sondern es genügen zweifelhafte und ungeprüfte Zeugnisse und häufig sogar seit langem als böswillig nachgewiesene Jrrtümer und Fälschungen zur Urteilsbildung. Das dabei angewandte Verfahren ist allzu einfach: man arbeitet mit üblen Schlagworten und kindlichen Verallgemeinerungen, stelltfalsche Typen und Antitypen auf. Selbst die sprachliche Form ist auffällig verändert, Redewendungen aus politischen Flugblättern und Ausdrücke von dem Niveau einer Volksversammlung stehen plötzlich vor unserem erstauntem Auge. Es bleibt fast nur übrig, an ein Wort Vauvenarques zu denken: „Bosheit ersetzt den Geist". Aus der überreichen Zahl von Beispielen wollen wir nun aus einigen Werken fast aller Fakultäten eine Blütenlese geben: Eduard Meyer: „Dafür tritt um so unverhüllter und schamloser der echt jüdische Gei st desProfitmachensund derGeldg i e r hervor."4 5) Hermann Gunkel: „Sicherlich darf man auch in dieser Freude des alten Hebräers an Klugheit und List, die ihn manchmal auch an Betrug und Lüge keinen Anstoß nehmen läßt, einen charakteristischen Zug seiner Anlage sehen, der sich — wie jedermann weiß — als eine höchst bedenkliche Mitgift bis auf die späteren Nachkommen vererbt hat."^) An anderer Stelle: „Der Zug, daß Esau einen bestimmten Geruch an sich hat, den man sogar an seinen guten Kleidern riechen kann, ist nach unserem Geschmack reichlich derb, auch in diesem 4) Ed. Meyer: „Ursprung und Anfänge des Christentums". Stuttgart und Berlin 1921, Band II, Seite 129. 5) Ä. Gunkel: „Genesis, übersetzt und erläutert. Zn Göttinger Landkommentar zum Alten Testament. Göttingen 1922, 5. unv. Aufl., Seite 308.

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