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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 94

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 94 (sequence 94)
Language
German
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94 (118) Antisemitische Wissenschaft? Ein Beitrag zur Zeitgeschichte. Von Dr. Hugo Steinthal (Lic., Fr.-Gh.) Man hört gelegentlich von wissenschaftlichem Antisemitismus sprechen und denkt dabei wohl an so etwas wie eine höhere Form der Judenfeindschaft, an ein Hinausheben dieser Kampfgesinnung in die Sphäre der Wissenschaftlichkeit. Dabei könnte es sich doch nur um den Versuch handeln, die Judenfeindschaft als religiöse, soziologische, historisch-politische oder rassenbiologische Anschauung wissenschaftlich zu rechtfertigen und zu begründen. Wissenschaftlicher Antisemitismus ist ein Widersinn, weil eine wissenschaftliche Feindschaft, ein wissenschaftlicher Haß undenkbar ist, weil eine Wissenschaft, die anderes erstrebte, denn Wahrheit und Erkenntnis, eben keine ist. Es wäre lediglich der groteske Versuch aus niedrigstem, durch Jahrhunderte aus allen möglichen Beweggründen künstlich gezüchtetem Haßbetrieb gar noch eine Theorie zu schaffen. Dagegen hat man wohl ein Recht, von antisemitischen Wissenschaftern und dadurch im weiteren Sinne auch von einer antisemitisch infizierten Wissenschaft zu sprechen. Es ist eine bedauerliche Erscheinung erregter Zeiten, daß wissenschaftliche Aufgaben vielfach willensmäßig durch außer- und unwissenschaftliche Motive getrübt oder verfälscht werden. Statt aus den Dingen und den Erscheinungen ein Urteil zu bilden, taucht aus verborgenen Tiefen des Bewußtseins ein Vorurteil auf und verzerrt die reine Erkenntnis des Gegenstandes aus konfessionell-apologetischen, aus völkisch-nationalen oder aus wirtschafts- und staatspolitischen Beweggründen. Besonders häufig treten solche wissenschaftssremde Elemente bei der Behandlung aller Probleme des Judentums und der Juden in Erscheinung, und es enthüllt sich das Bestreben, das Judentum als religiös minderwertig und unselbständig, seine Ethik als niedrig und gefährlich, den Juden als Bekenner seines Glaubens und als Angehörigen einer angeblichen Rasse körperlich und geistig unwert und bar jeder Kulturleistung, ja als der Kultur hinderlich und schädlich hinzustellen. Hier ist nicht die Rede von scheinwissenschaftlichen Machwerken antisemitischer Tendenz. Solche „Wissenschafteleien" wollen offenkundig nur halb- und ungebildete, dafür aber blindgläubige Leser mit einem Wust von Phrasen, Entstellungen und sogar Fälschungen berauschen und zum Haß ausstacheln. Aus gespreizten Fremdwörtern und scheinbar kühler Objektivität hängen sich diese armseligen Schreibereien ein Mäntelchen von Wissenschaftlichkeit um, damit sie rücksichtslos unter dieser Verkleidung ihren Antisemitismus propagieren und um so verwegener alles Jüdische begeifern können. Solcher Artung sind Houston St. Ehamberlains: „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" und die Iudenschriften Hans B l ü h e r s?) Sie sind, ohne es einzugestehen, Pamphlete. Das gleiche gilt von Werner So mbar ts: „Die Juden und das Wirtschaftsleben", von Friedrich Delitzschs Schriften: „Die große Täuschung" und Hans F. K. Günthers „Rassenkunde des deutschen Volkes"?) Eine Widerlegung solcher Schmähschriften ist deswegen eine so außerordentlich schwere Ausgabe, weil ihre stilistisch oft geistreich-blenderische Schreibweise in Verbindung mit scheinbar wissenschaftlich gesicherten, unwiderlegbaren, souverän wertenden Ilrteilsformulierungen und Antithesen der Willensrichtung des unkritischen, dafür aber sich selbst weit übersteigernden Lesers entgegenkommen und ihm eignes Denken entbehrlich machen. Einer psychopathologischen Untersuchung der Zeitgeschichte bieten sie jedoch ein überreiches Material, welchen Grad die „Dekomposition" der Geister erreicht hat, und welch vergiftende Verheerung solche Literatur insbesondere in den Köpfen der Heranwachsenden Jugend zu bewirken vermag. Reben diese demagogischen Taschenspieler tritt die Gestalt des wissenschaftlichen Narren, der von seiner iclee lixe besessen vielleicht wirklich Wissenschaft zu betreiben wähnt, in Wahrheit jedoch miv unermüdlich seine antisemitische Melodie leiert. Mit einem Literaturhistoriker, wie A. Bartels, der in seinem Don-Quichote-Kampf gegen die angebliche Verjudung des deutschen Geisteslebens, in Sonderheit der deutschen Literatur, überall Juden wittert, dem die erschütternde Festx) Z. B. Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus 1920 und Secessio Judaica 1922. -) O. Spenglers: „Untergang des Abendlandes" enthält Ausführung über Juden und Judentum, die gleichfalls nur als scheinwissenschaftlich verkappter Antisemitismus zu bezeichnen sind.

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