KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 93 (sequence 93)
- Language
- German
- Belongs to
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(117) 93 Raffe und Volk. Von Prof. Dr. Friedrich Hertz, Wien. In der Flut von Schriften über Rasse, die den deutschen Büchermarkt überschwemmt, verdient ein kleines Buch von Wilhelm Schmidt („Rasse und Volk", 67 Seiten, Verlag Josef Kösel und Friedrich Pustet, München) besondere Beachtung. Der Verfasser ist einer der bedeutendsten deutschen Ethnologen, Hauptvertreter der Kulturkreislehre, Leiter der Anstalt zur Ausbildung von Missionären St. Gabriel, Professor an der Wiener Universität und Herausgeber der Zeitschrift „Anthropos". Als katholischer Geistlicher bekennt er sich zu einer durchaus konservativen Weltanschauung. Die vorliegende Schrift ist aus Vorträgen im Landesverein katholischer Edelleute Südwestdeutschlands und Artikeln im „Hochland" hervorgegangen. Im Vorwort kennzeichnet der Verfasser seinen Standpunkt selbst, daß, wenn er auch den Uebertreibungen und Fälschungen des Rassemomentes entgegengetreten sei, er der hohen Bedeutung der Rassenfrage doch gerecht werde und eine solide Rassenwissenschaft und eine besonnene Rassenpflege für etwas durchaus Wünschenswertes und selbst Notwendiges halte. Einleitend besaßt sich der Verfasser zunächst mit dem Begriff der Rasse, der vom Begriff des Volkes streng zu scheiden ist. Mit der Rasse hat sich die physische Anthropologie zu befassen, dagegen die Ethnologie mit Völkern als Gruppierungen geistiger und kultureller Art. lieber die Entstehung von Rassen kann uns die Biologie keine sichere Auskunft geben. Der Verfasser führt eine Reihe interessanter Beispiele dafür an, daß die Umwelt auf die Rasse gestaltend einwirkt, also erbliche Rassenmerkmale erzeugen kann. Sehr scharf kritisiert er Günthers Rassenkunde, deren Bilddeutungen ein Wissenschaftler überhaupt nicht ernst nehmen könne. Geradezu skandalös findet Schmidt die Charakterisierung der Ostrasse (die sonst alpin genannt wird). Günther stellt an ihr jeden Zug verächtlich oder gehässig dar und bringt es fertig, als abschreckendes Bildnis dieser unedlen Rasse die Züge einer der höchststehenden deutschen Schriftstellerinnen, M. von Ebner-Eschenbach, wiederzugeben. Wohin derlei Rassenforschung führt, dafür gibt Schmidt einige verbürgte Beispiele: „Ein Universitätsprofessor, der die Studenten gern zu „deutschen Abenden" einlud, drängte einen derselben, der das Unglück hatte, schwarzhaarig zu sein, ein von ihm empfohlenes Haarfärbemittel zu gebrauchen. Das stärkste Bedürfnis in gewissen nationalen Kreisen wäre zurzeit ein Mittel, die Augen blau zu färben; wer es erfände, würde sicher steinreich werden." Aus weltanschaulichen Gründen verwirft Schmidt die Rassenbedingtheit der Seele. Höchstens möge eine ganz kleine Anzahl seelischer Anlagen erblich bedingt sein, keineswegs die Seele als Ganzes. Alles, was bis jetzt über rassenhaste Erblichkeit seelischer Veranlagungen geschrieben worden ist, ist äußerst mangelhaft. Es fehlt eben den meist einseitig naturwissenschaftlich gebildeten Verfassern an den nötigsten geisteswissenschaftlichen, insbesondere historischen Kenntnissen. Schmidt versucht nun auf Grund der historischen Völkerkunde die Altersfolge der verschiedenen Rassen festzustellen. Es sind vorwiegend wirtschaftliche Umstände, die im Laufe der Entwicklung besondere Lebensformen herausbilden und so auch rassezüchtend wirken. Die Psychologie dieser Kulturkreise wird in sehr feiner Weise geschildert. Die Hochkultur war nicht die Erfindung einer Rasse und eines Kulturkreises, sondern entstand aus der Vereinigung der bisher isolierten Rassen und Kulturen. Die Kulturfunktionen sind übertragbar, sie sind keineswegs an die Rasse gebunden, die sie zuerst hervorgebracht hat. Dies gilt auch für die nordische Rasse, die aus sehr verschiedenen Elementen gemischt zu sein scheint und gerade dieser Entstehung ihre große Vielseitigkeit und glänzende Kulturrolle verdanken dürste. Schmidt gibt hierfür wichtige Belege. Insbesondere ist auch die Lautverschiebung auf Mischung mit einem nichtgermanischen Volk zurückzuführen. Sehr nachdrücklich protestiert Schmidt gegen die bei gewissen Rassentheoretikern übliche geringschätzige Beurteilung des deutschen Südens. Ist doch die deutsche Hochkultur und die deutsche Sprache vom Süden ausgegangen. Die Verherrlichung der nordischen Rasse ist vielleicht nichts anderes als eine Reaktion des Nordens gegen die jahrhundertalte kulturelle Neberlegenheit des SüdeuZ. Am Schlüsse seiner Schrift verbreitet sich der Verfasser über die Notwendigkeit einer Aristokratie für das Kulturganze und empfiehlt eine bewußte Rassenpflege. Es fehlt hier die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit diesen Gedanken. Auch wer dem Verfasser hier nicht zustimmt, wird aus seiner Schrift reiche Anregung schöpfen.