KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 92 (sequence 92)
- Language
- German
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92 (116) den Kampf gegen das Judentum durch ihre größere Zahl, durch ihre politisch weit bedeutungsvollere Macht neben ihren anderen Aufgaben zu führen? Und darin eingebettet liegt die für den Antisemitismus so wesentliche Frage: Ist die Bekämpfung des Judentums bis zur Vernichtung oder mindestens bis zum Unschädlichmachen seines die Völker der Welt vermeintlich so bedrohenden, ja zerstörenden Einflusses die Aufgabe der Aufgaben, neben der alle anderen zurückzutreten haben? Wird diese Frage bejaht, so rechtfertigt sich damit die Gründung selbständiger antisemitischer Parteien. Solche gab es vor dem Kriege, solche wirken nach dem Kriege. Programmatisch legten und legen alle diese Parteien aber entscheidenden Wert darauf, nicht nur den Satz „Der Jude wird verbrannt" als ihrer Weisheit einzigen Schluß zu verkünden, sondern ihre Parteiprogramme wurden und werden mit sozialen, mit wirtschaftlichen „Reform"forderungen verbrämt, deren Notwendigkeiten allerdings dann wieder überwiegend antisemitisch begründet werden. Auch um den Grundsatz der „U e b e r Parteilichkeit" des Antisemitismus entbrannte schon damals ein hitziger Kampf. Gehört der Antisemitismus zu einer bestimmten Parteigruppierung sozusagen als untrennbarer Schatten oder aber ist er ein Mantel, den über sein Parteigewand der Konservative und der Zentrumsmann, der Freisinnige und der Sozialist werfen kann? Damals schon und auch heute hat die Erfahrung die zweite Frage im wesentlichen verneint, wenigstens für Deutschland. Die mannigfachen Bindungen des Hakenkreuzbanns mit den Grundanschauungen des politisch ausgesprochen Rechtsstehenden sind doch so augenfällig, daß die Judenfeindschaft in den die Reichsverfassung ehrlich achtenden Parteien programmatisch und praktisch keinen Fuß fassen konnte, unbeschadet der Tatsache, daß sich in einzelnen Anhängern auch dieser Parteien hie und da antisemitische Gefühle regen mögen, ebenso wie beileibe nicht etwa alle Deutschnationalen das offene völkische Bekenntnis der Parteileitung für einen Segen halten. VI. Es wäre dankenswert, wenn Dr. Kurt Wawrzinek seine wichtigen Bemühungen um die Erforschung der antisemitischen Bewegung fortsetzte. Auch die Gegenwart, die Zeit seit dem Kriege sollte mit ruhigem Forscherauge betrachtet werden: Keineswegs eine unlohnende Aufgabe. Wer möchte die Geschichte des deutschen Judentums ohne genaue Kenntnis der völkischen Bewegung schreiben? lind was bedeutet diese für Bayerns Entwicklung, für das Werden und Handeln der Deutschnationalen Volkspartei etwa, welche lauten und welche geheimen Auseinandersetzungen mit dem völkischen Gedanken auf religiösem, auf literarischem, auf künstlerischem Gebiete vor sich! Er ist gewiß nicht der Schlüssel, der alle Pforten in das Haus der Erkenntnis deutscher Gegenwart öffnet; aber viele schließt er auf. lind deshalb ist es wenig wissenschaftlich, sich ihm gegenüber totzustellen, ein Verfahren, das in lillsteins Weltgeschichte der neuesten Zeit (1870—1925) beliebt wird, obwohl sie von einem so ausgezeichneten Gelehrten wie Paul Herre herausgegeben wurde. Möge Wawrzinek sein Arbeitsgebiet weiter ausbauen und möge er ihm gleichwertige Mitarbeiter finden! Zu keines Gefallen, nur zu dem Zwecke wissenschaftlicher Forschung!