KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 91 (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
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(115) 91 war da: der Jude. Dringend wurde er von konservativer Seite benötigt. Diese, die daran heute nicht gern erinnert werden will, stand damals auf Hieb und Stich mit Fürst Bismarck, dem Reichskanzler. Er regierte gegen sie, Hand in Hand mit den so verhaßten Liberalen. Gerson Bleichröder fand in der Wilhelmstraße offene Türen. Also: Das Schlagwort „Iudenpolitik" war eines Tages in den Spalten der regierungsfeindlichen Presse zu lesen. Und die „Kreuzzeitung" machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube: Bleichröder, dieser „regierende Bankier", sei selbstverständlich Jude, wie auch die ganze nationalliberale Aera Bismarcks eine Bankierpolitik, von und für Juden betrieben?) Die Zentrumspartei sah in Bismarck, der den Kulturkampf heraufbeschworen hatte, ihren erbittertsten Gegner, nicht minder in seinem Kampfgenossen durch Dick und Dünn, in den Nationalliberalen. Um Regierung, um Liberalismus zu treffen, wurden „antijüdische Volksleidenschaften" als Bundesgenossen nicht verschmäht. „Letzter Sinn des Kulturkampfes sei nur, das einzige Hemmnis der Juden, den christlichen Geist und die kirchliche Autorität zu beseitigen", solche bösen Worte bedeuteten keinen Einzelfall. Und niemand würde die „Germania" und die „Augsburger Postzeitung" von heute und vor 30 Jahren etwa wiedererkennen, vergliche der nüchterne Beobachter die leitenden Aufsätze?) Die französische Soziologie spricht von „eontre-imitation". Und in der Tat: Die gleichen ehrenrührigen Vorwürfe, mit denen der kampflustige Gegner den „Ultramontanen" (zu Unrecht) damals anklagte, sie prasselten in den Zentrumszeitungen auf den politisch schlecht wehrfähigen Juden hernieder. Und was heute Völkische auf Juden und Judentum an grauser Anklage häufen, das kann man, photographisch getreu, als Vorwürfe gegen das Zentrum in der Kulturkampfzeit etwa in Kießling, „Geschichte des Kulturkampfes im Deutschen Reiche" oder Duhrs „Jesuitensabeln" Nachlesen?) IV. Otto Jöhlingers Annahme, Stöcker habe seine Christlich-soziale Partei vonvornherein auf den Antisemitismus abgestellt, scheint nach den neuen und einleuchtenden Feststellungen Wawrzineks tatsächlich ein Irrtum. Ihr Zweck 3) Wawrzinek, S. 9. 4) Dazu noch Dr. Paul Rieger, „Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden." Berlin 1918.' S. 5 ff 5) Dazu das treffliche „Antwortschreiben eines Juden an einen katholischen Geistlichen." Köln 1920, S. 3—5. war die „Verhütung der von der .atheistischen* Sozialdemokratie her drohenden Revolution.“* 4 5 6) Es ist ungemein charakteristisch, wie Stöcker immer mehr und mehr dem Antisemitismus seinen Willen opfern mußte. Gewiß war auch persönliche Gereiztheit im Spiele; die liberale Presse, die auch damals schon wie in unseren Tagen fälschlich gleich „Judenpresse" gesetzt wurde, behandelte den kampfesftohen „Diener der Nächstenliebe" nicht gerade mit Glacehandschuhen, und sicher ist ihm — und welchem Politiker ginge es anders! — oft Anrecht geschehen. Die antisemitische Amstellung der Christlich-Sozialen geht jedoch aus tiefere Gründe zurück. „Ihr Ziel, die Arbeiter für einen christlichen Staatssozialismus zu gewinnen, war an der geschlossenen Organisation der Sozialdemokratie, an ihrem Mißtrauen gegen alles Kirchliche und Staatsfteundliche gescheitert. Dafür fand die Partei immer mehr Zulauf aus den kleinbürgerlichen Schichten... Sie war in dem Kern ihrer Anhängerschaft und damit faktisch zur kleinbürgerlichen Reformpartei geworden, deren Kampf sich gegen Liberalismus, Manchestertum und Judentum richten mußte?*7) Es verdient sestgehalten zu werden, daß bei aller Judengegnerschaft Stöcker den Rassenantisemitismus stets abgelehnt hat, mögen auch dabei kirchliche Hoffnungen mitgesprochen haben, die durch die Taufe die Rückführung der Juden zur Tochterreligion erstrebten. V. Der Raum steht hier nicht zur Verfügung, um auch nur in annähernder Ausführlichkeit den weiteren Ablauf der Wawrzinekschen Antersuchungen würdigen zu können. Der Abschnitt II! spricht über „Ansätze zur Bildung antisemitischer Parteien in der Berliner B e w e g u n g". Die folgenden Abschnitte behandeln: Die „Deutsche Reformpartei", die „Deutsche Antisemitische Verein i g u n g", die „Deutsch-Sozialen" und die „Antisemitische VoksPartei". All die bekannten Namen, all die trübseligen Vorgänge auf antisemitischem Gebiete tauchen dabei auf. Viel neues Material wird beigebracht; wichtige Zusammenhänge werden klargestellt. Die sachlichen Gegensätze innerhalb des Antisemitismus hoben sich schon damals scharf heraus. Sie sind heute noch von Bedeutung für Theorie und Praxis. Ist die Bildung eigner antisemitischer Parteien berechtigt oder sind die Konservativen von damals, die Deutschnationalen heute die geeigneten Instrumente, 0) Wawrzinek, S. 18. 7) Wawrzinek, S. 22. Siehe auch die Zusammenfassung S. 29.