Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 90 (sequence 90)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268964-2268967--3374-3523840
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

90 (114) Neues Licht über dke Stöcker-Zeit. Wawrzineks „Entstehung der deutschen Antifemitenparteien". Von Dr. Alfred Wiener, Berlin. I. An einer umfassenden Darstellung, ja selbst an brauchbaren Einzeluntersuchungen über die Entstehung und Entwicklung des deutschen politischen Antisemitismus der Vorkriegszeit gebricht es allenthalben. Die zünftigen Geschichtsschreiber gehen um dieses Thema, das sine ira et studio zu behandeln mehr heikel als anreizend ist, in weitem Bogen. Hätte nicht der „Vater des Antisemitismus", Hofprediger Stöcker, durch seine, weniger menschlich als politisch und agitatorisch, kraft- und reizvolle Persönlichkeit die Federn einer Anzahl von Verehrern und Chronisten*) beschwingt, stände dieser nicht im hellstrahlenden Licht der Bismarck-Zeit — die geschichtliche Ausbeute dieser Zeit wäre noch karger. Dabei liegen Steine, allerdings viel winzige und unbehauene, zum Bau einer geschichtlichen Untersuchung an allen Ecken und Enden umher. Fast zehn Seiten enggedruckten Verzeichnisses von Quellenmaterial zur „Antisemitenbewegung" der siebziger bis neunziger Jahre führt die hier zu würdigende geschichtliche Studie auf, und darin ist von den allgemeinen Werken zur politischen Geschichte, zur Partei-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die diese Periode in irgendeiner Hinsicht berühren, abgesehen. Ihre Liste füllt noch einmal zwei Seiten. II. „Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien (1873—1890)" betitelt sich die hier zur Rede stehende geschichtliche Untersuchung Dr. Kurt Wawrzineks, die in den von Dr. E. Ebering unter Mitwirkung erster Sachkundigen herausgegebenen „Historischen Studien" als Heft 168 (Berlin 1927, Verlag von Emil Ebering) erschienen sind. Mit peinlicher Sorgfalt, wahrhaft wissenschaftlichem Verantwortungsgefühl und wohltuender Sachlichkeit hat der junge, nichtjüdische Gelehrte *) So: D. O ertz en Adolf Stöcker, 2 Bände 1910. £>. v. Petersdorsf, Adolf Stöcker, Konservative Monatsschrift 68,1910/11. Beachtlich, wenn auch im Einzelnen nicht immer genug belegt: Otto Z ö h I’t n g e v', Bismarck und die Juden, Berlin 1921. das schöne Ergebnis seiner Vorarbeiten auf 97 Seiten niedergelegt. Und wenn vielleicht der Verfasser, insbesondere im späteren Verlauf seiner Arbeit, ein wenig zu speziell geworden ist, die Untersuchung zu sehr neben den allgemeinen Zeitereignissen und -bewegungen einherläuft — so mag dies gerechterweise als der „Vorzug eines Fehlers" gewertet werden: das Einwandfteie, das rein Wissenschaftliche, das Material bereit legen für den „genialen Geschichtsschreiber" der Zukunft konnten sich am besten so verwirklichen. Und sogleich sei für die Meute drüben festgestellt: Wawrzineks Schrift ist nicht philosemitisch, nicht antisemitisch; sie ist wissenschaftlich und, wie er, wo es die wissenschaftliche Forschung ihm gebietet, die Uebertreibungen aus dem antisemitischen Lager feststellt, so wird der jüdischen Seite, mehr oder minder spürbar, manche lehrreiche Wahrheit gesagt. III. Der „große Krach" von 1873 und der Kulturkampf legten die Keime zur antisemitischen, s'ch allmählich parteimäßig gestaltenden Bewegung. O unselige Inflation der Nachkriegsjahre! Wer erinnert sich nicht mit Grausen des Spekulationstaumels, der alle Schichten der Bevölkerung vom Portokassenjüngling bis zum Geheimen Rat berauschte. War es in der „Gründerzeit" nach dem siegreichen Kriege 1870/71 etwa anders? „Damals wollten der hohe Adel und die Geheimen Räte ebenso mühelos verdienen wie die Kutscher und Dienstmänner, die Bankherren, wie die Briefkopisten, die Männer wie die Frauen?) Und das erschütternde Erwachen blieb ebenfalls nicht aus. Der jüdische, nationalliberale Abgeordnete Lasker war der erste, der Anfang 1873 den Mut, der die Tollkühnheit besaß, drei angesehene Konservative der Begünstigung zweifelhafter Unternehmungen zu zeihen. Nur langsam und dann immer schneller und zuletzt reißend rollte die Lawine. Ungeheure Gelder zerrannen in nichts, zahllose Existenzen wurden zertrümmert. Wo ist der „Schuldige"? Und das so beliebte „Symbol" K 2) Wawrzinek, S. 7.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.