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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 87

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 87 (sequence 87)
Language
German
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(111) 87 Auch Heman steht auf positiv-christlichem Boden. Für ihn ist die alte biblische Geschichte die Vorgeschichte des Christentums. Auch er sieht in der nachbiblischen Geschichte des Judentums das Walten der göttlichen Vorsehung, und entdeckt als eigentliche Ursache aller Leiden der Juden ihre Einstellung zu Jesus (S. 24). Er sucht überall nach Spuren eines angeblichen Hasses gegen Jesus und das Christentum. Ja, er redet sich schließlich ein, daß die Juden „wie alle Unterdrückten und Machtlosen sich heimlich an ihren Feinden zu rächen suchten, daß sie im Handel und in Geldgeschäften durch Wucher und Ausbeutung die Christen, die ihnen alle Rechte verweigerten, schädigten" (S. 30, S. 137) — eine Anschauung, für die sein Buch selbst den Gegenbeweis erbringt. Auch Heman steht auf dem Standpunkt, daß wohl das Christentum emanzipierte Juden verträgt, daß aber die Völker nur solche Juden vertragen, „die sich völlig emanzipieren und ihrer Nationalität und Religion entsagen wollen" (S. 86, S. 228). Heman empfindet, daß die Juden nach der Zerstörung des Tempels kxine selbständige Geschichte mehr gehabt haben, weder „eine selbständige Gestaltung ihrer Geschichte, noch gar ein tatkräftiges Eingreifen in den Lauf der Ereignisse und in die Geschicke anderer Völker" (S. 14). Trotzdem aber spielten die Juden eine bedeutsame Rolle in der Weltgeschichte, die Heman noch klarer geworden wäre, wenn er sie als Geistes- und Kulturgeschichte und nicht als Volksgeschichte begriffen hätte. Der eigentliche Wert des Buches, der es über ähnliche Erscheinungen weit hinausträgt, ist der von O. v. Harling verfaßte letzte Abschnitt des Buches ..Die Juden im 20. Jahrhundert", eine durchaus objektive und in ihren Urteilen sorgsam abgewogene Darstellung der jüngsten jüdischen Geschichte bis auf die unmittelbare Gegenwart. Harling kommt zu dem Ergebnis, daß Teilhabers Voraussage vom Untergang der deutschen Juden „einstweilen wenigstens zuschanden geworden ist. Die deutsche Judenheit hat sich aufgerasft und von neuem den Beweis erbracht, daß Deutschland immer noch der geistige Mittelpunkt des gesamten Judentums der Welt ist" (S. 416). Mit klarem Blick erkennt Harling, daß die neue Siedlungsbewegung in Rußland die bedeutsamste Tatsache der neuen russischen Judengeschichte ist. „Von dem Gelingen oder Mißlingen dieses Planes wird es abhängen, ob das russische Judentum in Zukunft noch einmal berufen sein wird, eine Rolle in der Geschichte der Juden zu spielen" (S. 422). Ebenso richtig wird die Entwicklung des Zionismus und insbesondere Palästinas im letzten Jahrzehnt geschildert. Er unterstreicht die offizielle Auslegung der Balfour-Erklärung durch das Statement der englischen Regierung, daß es keinesfalls deren Absicht sei, Palästina als Ganzes in eine jüdische Heimstätte zu verwandeln. Die Grundsteinlegung der Universität Jerusalem im Jahre 1918 kennzeichnet er „als eine Geste, bestimmt, Reklame zu machen", und nennt die Eröffnung der Universität am 1. April 1925 „ein geradezu groteskes Theaterstück". Richtig erkennt er die Gefahr für das werdende jüdische Palästina in dessen einseitiger Industrialisierung und Kapitalisierung, die den ganzen Jammer der alten Welt nach Palästina verpflanzen. Es verlohnte sich fast, die ganze Darlegung Harlings ungekürzt zu wiederholen. Sie ist ein Vorbild nüchterner und neutraler Beurteilung aller Erscheinungen der jüdischen Gegenwart durch einen Nichtjuden. Hemans Buch ist trotz seiner angedeuteten Mängel um dieses Schlußaufsatzes willen jüdischen Lesern dringlich und angelegentlich zu empfehlen. Wenn O. v. Harling sich entschlossen hätte, da und dort entschiedener in die Arbeit seines Vorgängers einzugreifen, so wäre das Gesamtwerk Hemans auch vom jüdischen Standpunkt aus uneingeschränkt zu empfehlen.

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