Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 86 (sequence 86)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2268830-2268964-2268967--3370-3523836
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

86 (110) P. Ott (1926, in Leinen gebunden 12 Mark), und F. Hemans Geschichte in gekürzter Form, herausgegeben vom Leipziger O. v. Harling (1927, Calwer Vereinsbuchhandlung, Stuttgart, 12 M.). Da. sich beide Werke nach ihrer eigenen Angabe nach Quellen und Stofs auf Graetz gründen, und sich im übrigen Heman auf Dubnows Neueste Geschichte und Albrecht auch auf dessen Weltgeschichte des jüdischen Volkes berufen, so bedeuten beide eigentlich keine Bereicherung der Wissenschaft. Wenn sie trotzdem hier besprochen werden, so geschieht das lediglich wegen ihrer Stellungnahme zu den Fragen des Judentums. Albrecht will „die ganze Geschichte Israels von Mose bis auf die Gegenwart übersichtlich und allgemein verständlich erzählen, so daß für den Leser der Ratschluß Gottes mit dem alten Bundesvolke ins Licht tritt". Für ihn ist Jesus „der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Geschichte Israels." Er will also vom kirchlich-christlichen Standpunkte aus im engen Anschluß an die Bibel die Geschichte Israels darstellen. Er verwirft die moderne Textkritik der Bibel vollständig (S. 311 bis 321). Um so merkwürdiger ist es, daß die drei Patriarchen in seiner Darstellung nirgends erwähnt werden. Allerdings will er ja nur die Geschichte Israels von Mose an schreiben. Demzufolge füllt die Darstellung der biblischen Zeit die Hälfte seines Werkes. Es erübrigt sich also, auf geschichtliche und theologische Unrichtigkeiten in seiner Darstellung einzugehen, vor allem auf seine biblische Chronologie, in der er die Inschrift Salmanassars über seinen Sieg über Ahab von Israel 834 absichtlich übergeht (S. 244). Die sogenannte Israels-Stele des Merneptah wird fälschlich auf Israel bezogen, während sie von „Iesreel, das verwüstet ohne Feldfrucht ist", redet. Daniel wird zum Zeitgenossen des Ezechiel gemacht (S. 236), die Einheit des Jesaiabuches wird vertreten (S. 264) usw. Besser ist die Darstellung der nachbiblischen Geschichte. Daß es bei ihr nicht ohne eine gewisse Willkür der Darstellung abgeht, ist durch die gebotene Kürze den Darstellung erklärlich. Trotzdem bleibt es eine arge Lücke, daß z. B. Raschi in dem Buche überhaupt nicht erwähnt wird. Nur selten einmal fällt Albrecht ein hartes Urteil über Juden. Erst auf den letzten Seiten enthüllt er seine Meinung, daß Nichtchristen im christlichen Staate im besten Falle nur geduldet werden können. Er erklärt nichts weniger, als daß „die volle Gleichberechtigung der Juden mit den christlichen Bürgern ein Unding ist. Sie können in einem christlichen Staate nur als Gäste angesehen werden. Ein Gast ist aber mit den Gliedern der Familie, die er besucht, nicht gleichberechtigt." (S. 6l7.) „Andrerseits aber ist es die Pflicht aller Hausgenossen, den Gästen stets freundlich und liebevoll entgegenzukommen und ihnen den Aufenthalt im Hause so angenehm als möglich zu machen, durch die bürgerliche Gleichstellung der Juden haben die europäischen Staaten ihren christlichen Charakter verleugnet und sich als religionslos bekannt (S. 618)." Was aber schlimmer ist: Die Juden sind seitdem „die Hauptträger des Atheismus und Materialismus. So wirken sie zersetzend im politischen, sozialen und geistigen Leben der Völker. Darum sind die Juden in der Tat ein Fluch der ganzen Menschheit geworden (S. 622)." Ueber den christologischen Endzweck der Geschichte Israels mit Albrecht zu rechten, ist wohl überflüssig. Für den gläubigen Christen kann die Geschichte nur diesen Endsinn haben. Dagegen ist die Behauptung, daß die Juden „die Hauptträger des Atheismus und des Materialismus" und deshalb ein Fluch der ganzen Menschheit geworden sind, als eine Frivolität zu brandmarken. Ich schäme mich nicht dieses Wortes, denn wir sind als Juden an derartige gotteslästerliche Beschuldigungen gewöhnt. Aber ich schäme mich dessen, daß ein gläubiger Christ derartige Frivolitäten in seinem Werke verbreitet. Sie sind ein Zeugnis mangelnden Verantwortlichkeitsgesühls vor Gott und vor Menschen. Muß der Jude den Christen an den Satz der Bergpredigt erinnern: „Wer aber zu seinem Bruder sagt racha, der ist des Rates schuldig; wer aber sagt: du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig" (Matth. 5,22)? Ich setze voraus, daß auch Albrecht das Psalmwort kennt: „Mögen andere fluchen, du sollst segnen" (Psalm 109,28). Selbst wenn seine Behauptung wahr wäre, so hätte sich hier die christliche Einstellung des Verfassers bewähren sollen. Aber sie ist, um es noch einmal zu sagen, eine leichtfertige Frivolität. Der Atheismus, darüber hätte ihn jeder philosophiegeschichtliche Abriß unterrichten können, hat mit dem Judentum so viel zu tun, wie mit dem Christentum seiner Vertreter — nämlich nichts! Und der Materialismus? Wären die Juden Atheisten und Materialisten, sie hätten längst ihren unpraktischen Glauben abgeschworen, der sie materiell hemmt. Es gibt aber keine idealistische Bestrebung, in der nicht Juden in erster Reihe Mitarbeiten. Ihr Familiensinn, ihre Wohltätigkeit, ihre Förderung aller edlen Bestrebungen sind lebendige Beweise für die Unwahrhaftigkeit der Behauptung Albrechts. Ich muß ihm ein ernstes Talmudwort zurufen: „Ihr Weisen, seid mit euren Worten vorsichtig, ihr könntet euch sonst zu leicht versündigen." *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.