KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 85 (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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(109) 85 Zwei christliche Darstellungen der Geschichte des Judentums Von Stadtrabbiner Dr. Rieger, Stuttgart. Das Erscheinen eines neuen Buches über die jüdische Geschichte ist schon an sich dankbar zu begrüßen. Es ist in jedem Falle ein verdienstvolles Unternehmen, ein handliches lesbares Buch der jüdischen Geschichte zu schaffen und damit einem größeren Leserkreis den Einblick in ein Gebiet zu erschließen, das ihm fast ausnahmslos unbekannt ist. Die Kenntnis der jüdischen Geschichte ist vielleicht das beste Mittel, Vorurteile zu beseitigen, Erscheinungen im Judentum in ihren geschichtlichen Voraussetzungen zu begreifen und dadurch zu gerechten Urteilen über das Judentum und die Iudenheit zu gelangen. Eine von christlicher Seite verfaßte Geschichte des Judentums ist auch für jüdische Leser nicht bedeutungslos. „Zeigt mir der Freund, was ich bin, zeigt mir der Feind, was ich soll." Es ist vielleicht nicht unrichtig, daß die von Juden geschaffenen Geschichtswerke über die jüdische Geschichte aus dem apologetischen Bedürfnis heraus entstanden sind und darum nicht überall die gebotene Objektivität besitzen. Wer in den Verhältnissen lebt, urteilt über sie anders, als wer über ihnen steht. Andrerseits muß aber von dem nichtjüdischen Geschichtsschreiber vornehme Sachlichkeit vorausgesetzt werden. Er darf nicht durch die Parteibrille sehen und soll versuchen, soweit das menschlich möglich ist, sine ira et studio zu denken und zu schreiben. „Es ist ein schweres Verbrechen, in dieser großen und wichtigen Sache von kleinlichem Parteistandpunkt aus oder in finsterem Fanatismus zu Werke zu gehen (Heman)." Gewiß ist es nicht so, daß die Juden immer und überall die schuldlosen Märtyrer der Weltgeschichte gewesen sind. Aber die tragische Rolle des Judentums, für sich und für die anderen büßen zu müssen, darf kein Geschichtsschreiber des Judentums aus den Augen verlieren. Gerechte Abwertung darf nicht vergessen, daß die Juden mehr gelitten, als sie verschuldet haben. Die objektive Einstellung zur Geschichte der Juden bedarf aber einer grundsätzlichen Voraussetzung. Es ist ein ernster Irrtum, die über die ganze Erde verstreuten Juden als eine völkische Einheit zu betrachten. Es ist natürlich richtig, daß die Juden bis vor etwa zweitausend Jahren eine Art Volkstum besessen haben. Aber selbst dieses Volkstum kann mit den Gemeinschaften anderer Völker nicht verglichen werden. Die völkische Judengeschichte hat mit dem Jahre 586 v. Ehr., also mit der ersten Zerstörung des Tempels aufgehört. Bereits das israelitische Judentum in Assyrien und das judäische in Babylonien haben alle völkischen Bindungen verloren. Die Restauration in Kanaan durch Josua und Serubbabel ist ebenso wie die durch Esra und Nehemia rein religiös. Ihre Maßnahmen und Gesetze bezwecken lediglich die religiöse Wiederherstellung und ihr Zentrum, den Tempel. Auch die Erhebung gegen die Syrer unter Mathathias ist ursprünglich keine nationale, sondern eine religiöse. Die Konsolidierung der Verhältnisse und die politische Unabhängigkeit ermöglicht für ein Jahrhundert das Entstehen eines nationalen Königstums. Das letzte Jahrhundert der jüdischen Geschichte bis zur Zerstörung des zweiten Tempels ist aber eine seltsame Mischung von religiösen und politischen Strömungen. Auch der Aufstand Bar Kochbas muß mehr als messianische Bewegung, denn als nationale bewertet werden. Aber selbst wenn man das Judentum bis dahin als Nation betrachten will, ist jedenfalls seitdem die Geschichte des Judentums eine nur religiöse, wenn auch da und dort Ansätze und Versuche zu einer neuen nationalen Ausgestaltung auftreten. Das war Grund für den ersten Historiker des Judentums, den Christen Basnage, sein fünfbändiges Geschichtswerk Histoire de la Religion des Juifs depuis Jesus- Christ jusqu’ä present (1707—1711) zu nennen. Auch Graetz hat sich wohl gehütet, sein Werk als eine Geschichte des jüdischen Volkes zu bezeichnen. Erst der zionistischen Ideologie ist diese neue Namensgebung zu verdanken. * Fast gleichzeitig erschienen zwei christliche Darstellungen der jüdischen Geschichte: 1908 F. Hemans (Basel) „Geschichte des jüdischen Volkes seit der Zerstörung Jerusalems" und 1909 bis 1910 Ludwig Albrechts (Bremen) „Geschichte des Volkes Israel von Mose bis auf die Gegenwart". Beide Werke erscheinen gegenwärtig in neuer Bearbeitung: Ludwig Albrechts Buch erweitert im Verlag der Evangelischen Buchhandlung von