KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 84 (sequence 84)
- Language
- German
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84 (108) Und ist es doch immer mißlich, dasjenige kritisch zu werten, was dem anderen heilig ist. Die Liebe zur Wahrheit und die Ehre des Judentums mußten aber alle persönlichen Rücksichten zurücktreten lassen. Aus den gleichen Gründen noch eine Bitte an Förster. Förster ist nicht wie so viele in die religiöse Gedankenwelt des Christentums hineingeboren, sondern er hat sie — von einem ganz anderen Standpunkt ausgehend — sich gleichsam erst erkämpfen müssen. Darum liebt er das Christentum. Das ist sein gutes Recht. Aber manchmal macht Förster den Eindruck eines „Verliebten". Ein Verliebter ist blind. So ist auch Förster stellenweise blind gegen das Judentum. Sonst könnte es ihm nicht begegnen, an dem „zornigen und eifrigen Gott" des Alten Testaments Anstoß zu nehmen und bisweilen in der Gottesvorstellung des Alten Testaments „die Harte eines unentwickelten Kulturzustandes" zu erblicken (Religion und Charakterbildung S. 137). Wenn Förster das Buch des evangelischen Theologen Rudolf Otto „Das Heilige" 13. Aufl. 1925, lesen wird, das aus dem Gebiete der Religionswissenschaft einen neuen Anfang bedeutet, so wird er finden, daß die Vorstellungen von dem „Zorn und Eifer" Eigenschaften Gottes sind, die keine Religion entbehren kann und entbehrt — am wenigsten das Christentum. „Es ist ganz zweifellos", schreibt Otto (a.a. O. S. 19), „daß auch das Christentum „vom Zorne Gottes" zu lehren habe, trotz Schleiermacher und Ritschl". Otto weist auch daraus hin (S. 99): „wenn die Gelegenheit es erfordert, so kehrt auch bei Jesu selbst der alttestamentliche Gott „der Rache" ganz unverhüllt und echt wieder, wie in Mt. 21,41: Er wird die Bösewichter übel um bringen." Derselbe Klang beispielsweise Hebräerbrief 10,31: Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Dem gleichen Irrtum unterliegt Förster, wenn er die so oft wiederholte Behauptung nachspricht von der engeblichen „Gesetz es last", die Meinung, daß Gott von den Juden „als ein gewaltiger, drückender Anspruch von oben empfunden werde". Statt langer Widerlegung zwei Gebete aus alter Zeit, Zeugnisse von dem tiefinnersten Empfinde« des Juden, das eine mehr den Stolz, das andere mehr die Seligkeit, ein Jude zu sein, zum Ausdruck bringend. Das erste lautet: Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, daß Du mich zu einem Juden gemacht hast. Das zweite: Heil uns, wie gut ist unser Anteil, wie köstlich unser Los, wie schön unser Erbe, heil uns, daß wir morgens und abends, zweimal täglich, bekennen dürfen: Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist Einig-Einzig.