KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 83 (sequence 83)
- Language
- German
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(107) 83 deutet? „Keine Kraft zur Verwirklichung?" Wir haben vorhin die eine Seite jüdischer Frömmigkeit charakterisiert: das Gefühl der Distanz zwischen Gott und Mensch. Die andere Seite jüdischer Frömmigkeit ist das Bewußtsein der Forderung Gottes an den Menschen, der sittlichen Forderung. Ls gibt einen Weg des Menschen zu Gott und der führt über das Gute, das der Mensch tut. Das ist ja gerade das Eigenartige, das Neue der jüdischen Gotteserkenntnis, daß man Gott nicht dienen kann durch mystische gefühlvolle Andacht, nicht auch durch bloßes gläubiges Harren auf seine „Gnade", sondern nur durch fromme Tat, durch die „Kraftzur Verwirklichung". Und eine mehr als dreitausendjährige Geschichte von Opfern ohnegleichen legt Zeugnis ab, daß das Judentum „dir Kraft zur Verwirklichung" nicht nur lehrte, sondern bewährte. Nach all dem Gesagten sind die Folgerungen schnell gezogen. Förster fragt, warum Paulus, der die großen Traditionen des Judentums sehr genau kannte, sich von ihm abgewandt habe? Die Antwort lautet: Weil Paulus ein Romantiker war, seinem innersten Wesen nach dem durchaus unromantischen Judentum entgegengesetzt. Leo Baeck hat in seiner Schrift „Romantische Religion" die religiöse Romantik treffend charakterisiert: „Ihre Frömmigkeit hat etwas Passives.. es fehlt ihr der starke ethische Drang, der Wille, das Leben sittlich zu bezwingen. .Der Romantiker will nicht mit dem Schicksal kämpfen, sondern es in inbrünstigem Gemüte empfangen...., vor die Lebenstat tritt für ihn die Gnade, deren Gefäß er sein will, vor das Gesetz des Daseins der bloße Glaube, vor die Wirklichkeit das Wunder des Heils." Für all das ist Paulus ein klassischer Zeuge. Seine Lehre von der Erbsünde, in der der alte Schicksalsglaube des Heidentums, der Mythos der Griechen von der blindwirkenden Schuld lebendig geworden ist, der Glaube, daß der Mensch als sinnliches Wesen mit Notwendigkeit dem Elend, dem Tode der Sünde und dem Fluch verfallen sei (Römer 7,24), der Glaube, daß die Erlösung von diesem Fluche nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch Gnade verwirklicht werden könne, durch ein Wunder, wie es in den sakramentalen Handlungen der Kirche immer wieder in die Erscheinung tritt — all das sind Vorstellungen, die Paulus — weil er sie den heidnischen Mysterienreligionen entnommen hatte — in einen unversöhnlichen Gegensatz zum Judentum bringen mußten. Ganz freilich ist auch Paulus innerlich nie vom Judentum losgekommen. Immer wieder kehrt er auch nach seiner Bekehrung unbewußt zu jüdischen Gedankengängen zurück; es ist der Mann der Tat, der im Leben stehende Kämpfer, der mit dem erdabgewändten romantischen Träumer ringt. Diese seelische Auseinandersetzung der hervorragendsten christlichen Geister, in denen die mystischen kulturfeindlichen Ideen des paulinischen Christentums mit den weltzugewandten tatenfrohen Gedanken des Judentums (wie sie sich übrigens auch an den verschiedensten Stellen des Neuen Testaments insbesondere der Predigt Jesu finden) miteinander ringen, bildet einen der interessantesten aber auch ergreifendsten Teile menschlicher Seelengeschichte. Nur zwei Zeugen für viele. Der eine ist Dante. Da der Mensch infolge der Lehre von der Erbsünde nur durch die Gnade, den Glauben an Christus zur Seligkeit gelangen kann, verfallen alle Nichtchristen der Verdammnis. Dante, mit dem Problem der Gnadenwahl ringend, schreibt (Die göttliche Komödie, Paradies 19. Ges., Vers 70—78): „Erzeugt wird jemand an des Indus Strande, So sprachest du, wer spricht von Jesus Christ, Wer liest und schreibt von ihm in jenem Lande, Wenn er, so weit es die Vernunft ermißt, In Tat und Willen rein und unverdorben, Und ohne Sünd' in Wort und Leben ist, Und er ungläubig, ungetanst, gestorben, Wo ist dann wohl ein Recht, dem er verfällt? Wo Schuld, daß erden Glaubennicht erworben?" Der andere Zeuge ist Förster selbst. Nur mit innerer Bewegung kann man sehen, wie das nach praktischer Betätigung ringende Ethos Försters mit den Verstrickungen der paulinischen Lehre kämpft, wie er versucht — unter Heranziehung der modernsten Theorien der Psychoanalyse — dem Menschen der Gegenwart „die dunkle und schwere Lehre der Erbsünde" näher zu rücken, um im gleichen Atem zu bekennen „freilich ist die Lehre der Pathologie von der Macht der Belastung ganz und gar nicht identisch mit dem Sinn der Lehre von der Erbsünde", um weiter zu sagen, er wolle sich gegen das Mißverständnis wehren, als wolle er „das Geheimnis dieser Lehre theologisch oder mystisch erschöpfen", und um schließlich zu bekennen: „Wir fühlen, daß wir abfallen, daß wir unsere Würde preisgeben, ganz persönlich in selbständiger Wahl, — wir sündigen in Adam und aus eigne Hand, gebunden und doch wieder frei..., wer es fassen kann, der fasse es!"- Zum Schluß sei noch ein persönliches Wort an Förster gestattet'. Es ist dem Schreiber dieser Zeilen nicht ganz leicht geworden, Förster entgegenzutreten. Fühlt er sich doch dem großen Pädagogen und Menschen durch die seelische Bereicherung aus seinen Schriften tief verschuldet. 6*