KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 82 (sequence 82)
- Language
- German
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82 (106) Religion bei dem Fernerstehenden meist nur in verzerrter Gestalt wiederzufinden — doppelt wohltut. Sachlich freilich zwingen die Ausfuhrungen Försters zur energischen Abwehr. Förster führt für seine These: das Christentum ist die Erfüllung des Judentums, zwei Zeugen an. Der erste ist Paulus. Dieser hätte sich bei seiner genauen Kenntnis des Judentums doch nicht von ihm abgewandt, wenn es ihn befriedigt hätte. Der zweite Zeuge ist das Judentum selbst. Das Judentum drängt seiner ganzen Struktur nach zur Idee des Gottmenschen, seine Gottesidee hat ohne diese Vorstellung vom Gottmenschen „gar keinen Sinn, keine präzise Zielsetzung, keine Kraft zur Verwirklichung". Am mit der zweiten These zu beginnen, so ist sie ein schlagender Beweis dafür, wie schwer es einem Fernerstehenden, selbst bei bestem Willen fällt, die Frömmigkeitswelt einer anderen Religion zu erfassen. Förstey, in tiefster Seele gesättigt mit den Ideen der christlichen Dogmatik, ist offenbar gar nicht mehr fähig, das Alte Testament unbefangen zu lesen, sonst könnte er nicht gerade diejenigen Stellen, in denen die Frömmigkeit des Judentums einen wahrhaft klassischen Ausdruck findet, die Psalmen, als eine Vorbereitung zum Christentum ansehen, wie er es nicht nur hier, sondern auch an anderer Stelle (Christus und das menschliche Leben, S. 88) folgendermaßen formuliert: „Wer den tieferen Sinn der Lehre vom Gottmenschen verstehen . will., der muß beobachten, wie mächtig gerade in den stärksten geschichtlichen Kundgebungen des Gottesglaubens die Sehnsucht waltet, Gott in das wirkliche Leben herabzubeschwören und die vollkommene Einigung des menschlichen und des göttlichen Willens irgendwie dargestellt zu sehen.Erinnern wir uns.vor allem der mächtigsten Dokumente des Gottesglaubens, der biblischen Psalmen: wie da der Mensch die ganze Größe und Wirklichkeit des göttlichen Anspruches in seiner Seele spürt, wie er erbebt unter der Aebermacht Gottes in seinem Gewissen und wie er gerade dabei seinen ganzen Abstand und Abfall, die ganze Schwäche und Anstetigkeit seines Wollens spürt." Förster hat mit seinen letzten Worten, da er von dem A b st a n d redet, der den Menschen von Gott trennt, jüdische Frömmigkeit treffend charakterisiert. Gott ist heilig, d. h. er ist anders als alles Irdische, anders als alles Menschliche und Profane. Darum ist Gott unvergleichlich. „Wem wollt ihr mich vergleichen, daß ich ihm ähnlich sei". Dieser Gott, der allem Irdischen in unvergleichlicher Erhabenheit gegenübersteht, als der „Fernste", ist doch gleichzeitig der „Nächste", er ist „mein Gott". In dieser Spannung, dieser Paradoxie offenbart das Judentum seine stärkste Eigenart, offenbart es das, was es am meisten von den antiken Religionen, aber auch vom Christentum scheidet. Förster meint an der gleichen Stelle (Christus und das menschliche Leben), auch der antike Mensch habe diese Gottessehnsucht besessen. Das ist gewiß richtig. Aber die Frage: „Wie kann überhaupt das Göttliche in menschlicher Gestalt zur Erscheinung kommen, wie kann der Geist Fleisch annehmen?" ist eine Frage, die man wohl vom Standpunkt der Antike, auch des Christentums begreift, aber niemals aus jüdischem Geiste. Die ganze Sehnsucht des antiken Menschen ist der Wunsch, Gott zu werden, d. h. die Spannung zwischen Gott und Menschen aufzuheben. Dieser Wunsch lebt in den orientalischen und ägyptischen Mysterien. Gott ist Mensch, geboren, gestorben und auferstanden; und so ist es von Paulus, dem eigentlichen Schöpfer des Christentums, übernommen worden. Demgegenüber hat das Judentum an dem Glauben der D i st a n z zwischen Gott und Mensch unbeirrbar festgehalten, nicht aus „Verstocktheit", wie Förster schreibt, sondern wie es Hermann Cohen (Die Religion der Vernunft) treffend formuliert, aus Wahrhaftigkeit. Ein Mensch, der Gott ist, kann nur als Symbol gedacht werden. Der Begriff Gott verträgt aber keinerlei Symbolik. Sobald der Begriff Gott nur symbolisch, aber nicht absolut aufgesaßt wird, entsteht eine Anklarheit, eine Zweideutigkeit, und das ist eine Verletzung der Wahrhaftigkeit. Nicht umsonst ruft der Jude in jenen feierlichen Augen-- blicken, da er am Neujahr und Versöhnungstage — das einzige Mal im ganzen Jahr — vor Gott anbetend niedersällt, nach den Worten: „Er allein ist unser Gott, keiner sonst" — das Wort „Emeth" Wahrheit aus. Nicht umsonst schließt das Hauptgebet, das das höchste Bekenntnis des Judentums, den Glauben an den einig-einzigen Gott enthält, wiederum mit dem Wort „Emeth" Wahrheit. Es war keine bloße Verstocktheit, es war die Liebe zur Wahrheit, es war das stolze Bewußtsein, im Besitze der Wahrheit zu sein, was den Juden verbot, den Nacken zu beugen, was die unabsehbare Schar jüdischer Blutzeugen schuf, die um der Wahrheit willen gestorben sind. Förster schreibt, die theokratische Grundidee des Judentums habe ohne die Idee des Gottmenschen „gar keinen Sinn, keine präzise Zielsetzung und keine Kraft zur Verwirklichung". Will Förster diese Sätze im Angesicht der erwähnten Wahrheitszeugen aufrechterhalten? Darf man das einer Religion sagen, deren höchstes Wort „El", Gott, dem tieftten Sinn der Sprache nach „Ziel" be-