KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 81 (sequence 81)
- Language
- German
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(105) 81 Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Judentum und Christentum Von Rabbiner Dr. Italiener, Darmstadt. F. W. Förster, der bekannte Pädagoge, kommt in seinem vor etwa Jahresfrist erschienenen Buch „Religion und Charakterbildung" auf jene Erzählung von den drei Ringen in „Nathan dem Weisen" zu sprechen, in dem Lessing bekanntlich die Entscheidung darüber, wer den echten Ring, d. h. wer die wahre Religion besitze, auf das Ende der Tage verlegt und von der sittlichen Leistung der Bekenner der verschiedenen Religionen abhängig macht. Förster hält diese Antwort Lessings mit Recht für unbefriedigend. Man mag die sittliche Leistung der Vertreter einer Religion noch so hoch veranschlagen, die Entscheidung über den Wahrheitsgehalt wird dadurch nicht getroffen. Gab es doch stets eine große Anzahl Heiden von hervorragender Sittlichkeit, und dennoch ist der Weg des Heidentums ein Irrweg. Die Frage nach der objektiven Wahrheit einer Religion muß immer wieder gestellt werden. Sie ist die Vorbedingung für den sittlichen Einfluß auf ihre Anhänger. Nur das Bewußtsein, die absolute Wahrheit zu besitzen, erzeugt in den Bekennern einer Religion jenen Enthusiasmus der Seele, ohne den wahrhaft große Leistungen auf sittlichem Gebiete undenkbar sind. Für eine relative Wahrheit hat sich noch niemand geopfert. Man muß Förster daher dankbar sein, daß er den Mut hat — in unserer Zeit der Kompromisse —, auf dem wichtigsten Gebiete allen kulturellen Lebens, der Religion, eine Entscheidung zu verlangen. Welche von allen Religionen besitzt die absolute Wahrheit? fragt Förster. Welche von allen Religionen ist daher am besten befähigt, den Menschen zur Sittlichkeit zu führen? Förster antwortet: das Christentum. „Einen anderen Grundstein gibt es nicht als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Besonders von jüdisch-religiöser Seite wird gegen diese Heberordnung des Christentums protestiert. Nun liegen freilich in den jüdischen Traditionen ganz außerordentliche charakterbildende Kräfte, ja, der jüdische Gottesglaube ist an pädagogischer Kraft einem gewissen freisinnigen Christentum mit seinem die Seele lähmenden Abfall vom Metaphysischen ins Bloßmenschliche durchaus überlegen. Heberhaupt sind die Juden im Rechte, wenn sie sich darüber beklagen, daß man auf christlicher Seite dem Reichtum und der Reinheit ihres religiösen Lebens und ihrer ethischen Hefter* lieferung vielfach mit großer Hnwissenheit gegenüberstehe. Aber Paulus kannte doch , wohl die großen Traditionen des Judentums sehr genau. Warum hat er sich davon abgewendet? Warum wird er nicht müde, Christus als den Ersüller alles dessen, was „die Alten gesagt" zu erweisen? Es ist eben eine Verstocktheit von weltgeschichtlicher Tragik, daß das Judentum sich dagegen verschließt, daß das Christentum nicht nur allgemein die höchste Stufe religiössittlicher Vollendung darstellt, sondern daß es im besonderen auch die unausweichliche Konsequenz und Blüte der ganzen jüdischen Tradition bedeutet. Gerade die theokratische Grundidee des Judentums, wenn man sie aus den Allgemeinheiten einer bloß gesellschaftlichen Anwendung heraushebt und sie zu einem ganz persönlichen Anspruch verdichtet, so wie sich das schon in den Psalmen vorbereitet, fuhrt unmittelbar zur Idee des Gottmenschen, hat ohne ihn gar keinen Sinn, keine präzise Zielsetzung und keine Kraft zur Verwirklichung. Im Johannisevangelium heißt es von Gott: „Einzig der Sohn, der im Schoße des Vaters war, der hat ihn erklärt." hier liegt der Schlüssel zum Verständnis alles dessen, was das Christentum mehr ist als das Judentum. Christus hat das Wesen Gottes „erklärt", er hat dem Menschen das Wesen des Göttlichen so nahegebracht und veranschaulicht, daß das verborgene höhere Leben in der Seele dadurch geweckt und entzündet werden konnte: Gott blieb nicht mehr ein gewaltiger drückender Anspruch von oben, sondern er wurde als erfülltes eigenes Leben der Seele enthüllt: so konnte der Mensch Gott entgegenkommen, konnte sich selbst entgehen und sich mit Gott vereinigen...." Wir haben die Gedankengänge Försters möglichst ausführlich wiedergegeben, um dem Leser neben den sachlichen Gründen vor allem auch den Geist echter Frömmigkeit zu vermitteln, den diese Sätze nicht nur, sondern die meisten Schriften widerspiegeln. Rur aus wahrer Frömmigkeit stammt auch jener Wille zur Gerechtigkeit dem Judentum gegenüber, der Förster auszeichnet und der uns Juden — seit langem gewohnt, unsere 6