KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 79 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
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(103) 79 heit zusammenfaßt. Zu ihnen gesellt sich das sittliche Mitempfinden, das seine Quelle in der gemeinsamen Gotteskindschaft der jüdisch-monotheistischen Weltauffassung, im Brudertum und Schwesterntum findet: „Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gotte", und darum: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", und schließlich die Zurückführung alles ärztlichen Könnens und Handelns aus den göttlichen Arzt: „Nnd wenn du hören wirst auf die Stimme des Ewigen, deines Gottes, und tun, was recht ist in seinen Augen, und horchen auf feine Gebote und bewahren alle Satzungen, so werde ich alle Krankheiten, die ich gelegt auf Aegypten, dir nicht auferlegen, denn ich bin der Ewige, dein Arzt." (Rosin.) Es sind somit letzten Grundes jüdische Kollektiveigenfchaften, die auch die Voraussetzung zur ärztlichen Persönlichkeit bilden, und aus diesen tiefsten Beziehungen heraus dürfte es sich daher zu einem wesentlichen Teil erklären, daß unter den geistigen Berufen gerade der ärztliche von jeher eine besonders große jüdische Jüngerschaft gezählt hat. In der Gedankenwelt der talmudischen Literatur findet die Pflege dieser jüdischen Kollektiveigenschaften, die instinktiv mit einer gewissen Prädisposition zum ärztlichen Berufe hindrängen, ihre weitere Pflege. Sorgen in der Bibel noch Moses und Aron für die Durchführung der durch eine bewundernswerte kritische Erfahrung begründeten medizinischen Gesetzesvorschriften, so treten im Talmud ihr Erbe die Weisen, die Gelehrten an, der Priester tritr zurück, und das gelehrte Laientum setzt den Ausbau der biblischen Gesetzesvorschriften fort. In der Halachah wird die Harmonie zwischen Gesetz und täglichem Leben hergestellt, das empirische, synthetische Denken ungeheuer geschärft und durch die Verkettung der Gesetze mit dem Göttlichen ein sittliches Erziehungswerk an der jüdischen Masse v? :cht abzuschätzender Bedeutung vollbracht. Die Medizin wird popularisiert. So ausgestattet mit Eigenschaften, die auch zu zu den grundlegenden Qualitäten der ärztlichen Persönlichkeit gehören, treten die Juden in den Kulturkreis der Diaspora ein. Will man dem Anteil der Juden an der Entwicklung der Medizin in diesen Jahrhunderten einigermaßen gerecht werden, so muß man die Frage stellen, welche Leistungen die Weltmedizin in der damaligen Zeitepoche vollbracht hat. Die einzige wirklich schöpferische Leistung bis in die Reformationszeit hinein ist die Lehre des großen Hippokrates, eines der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Denker aller Zeiten. Seine Heilkunde baut sich — losgelöst vom theologischen Spintisieren und von naturwissenschaftlichen Spekulationen — aus der Grundlage klarer Beobachtung und kritisch verarbeiteter Erfahrung aus, und sie steigt auch zu einer besonderen ethischen Höhe empor, weil sie auch den sittlichen Boden des ärztlichen Berufes und der ärztlichen Persönlichkeit in wesenhaftem Schauen ersaßt. Die Mittler dieses hippokratischen Systems sind zum erheblichen Teile bis zum grandiosen Aufschwung aller Naturwissenschaften, einschließlich der Medizin im 19. Jahrhundert die jüdischen Aerzte des Mittelalters gewesen. Hier liegt ihre Leistung und zugleich die Begrenztheit ihres kulturgeschichtlichen Wirkens. Was sie zum Hippokrates führt, ist zunächst ihre philologische Gelehrsamkeit, geschult an der Sprache ihrer eignen religiösen und philosophischen Schriften, herangebildet an den Dialekten in der hebräischen Liteatur und erzwungen durch die Vertreibungen, die die Aneignung neuer Sprachen immer wieder erforderlich machten. Was sie aber beim Hippokrates festhält, ist die gleiche Einstellung zu den ärztlichen Problemen, die dem religiösen Juden der damaligen Zeit in einer dem Hippokrates verwandten Denkart durch Bibel und Talmud mit ihren auf kritischer Erfahrung aufgebauten medizinischen Vorschriften anerzogen ist. Namen sind hier Schall und Rauch, um so mehr, als abgesehen von Maimönides nur Sammler von hippokratischem und aristotelischem Wissen, keine schöpferischen Köpfe in die Erscheinung treten. Das Fehlen eignen synthetischen Denkens unter den jüdischen Aerzten des Mittelalters hat sicherlich in einem nicht abschätzbaren Umfange seine Ursachen in den Hemmungen des Ghettos und in dem geistigen Charakter der mittelalterlichen Zeit. 2m Dunkel der Ghettomauern, im Lichte des Scheiterhaufens verdorrt auch die Medizin, die in der jüdischen Scholastik vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus verwildert. Mit dem Zusammenbruch der beengten religiösen Dogmatik und des religiösen Zwanges feiern die modernen Naturwissenschaften und mit ihnen die Medizin die Geburtsstunde einer neuen, früchteschweren Entwicklungsepoche. Es erscheint kaum als Zufall, daß gerade Ludwig Traube am Beginn des 19. Jahrhunderts das Experiment der Klinik für ihre besonderen Fragestellungen als einer der ersten erschließt. Die exakte, sinnliche Phantasie, die anschauende Erkenntnis, die als eine Erbanlage skizziert wurde, kommnt in modernem Gewände hier von neuem zur Ausprägung. Sie gelangt zur höchsten Blüte in Paul Ehrlich, dessen Wesen sein Biograph Weinberg in ähnlichem Sinne so zu definieren ver-