KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 78 (sequence 78)
- Language
- German
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78 (102) Ganz anders die Heilkunst, das zweite Gesicht der Medizin. Im Gegensatz zur Wissenschaft ist sie ausschließlich auf den Zweck, Kranke zu heilen und Kranken zu helfen gerichtet. Aus diesen einzigen Zweck gerichtet, zieht sie, um Irrwege zu vermeiden, die von der Wissenschaft ermittelten Erkenntnisse heran. Sie bedient sich der Kenntnis der Lebensvorgänge, um zur Diagnose zu gelangen, und sie bedient sich der Ergebnisse des naturwissenschaftlichen Experimentes, um die Brücke zur exakten Therapie, zur Heilung und Linderung der Krankheitssymptome zu schlagen. Waren unsere Kenntnisse der Lebensvorgänge lückenlos, so wäre die Harmonie in der Medizin, die restlose Verknüpfung zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und rationellem praktischen Handeln gegeben. Hier liegt die innere Kluft zwischen der Medizin als Naturwissenschaft und als Heilkunst, der innere Widerspruch des Wortes von der Heil Wissenschaft, die heilen soll selbst da, wo die Wissenschaft versagt: Denn der Kranke kann nicht warten, bis erschöpfende Erkenntnisse über das Wesen seines Krankheitsprozesses gewonnen sind, und der Arzt muß handeln, selbst wenn ihm die tieferen Einblicke in das krankhafte Geschehen oft versagt sind. An dieser Grenze beginnt die Kunst der ärztlichen Persönlichkeit. Wo die bis zur äußersten Konsequenz durchgeführte Methodik nicht mehr ausreicht, die diagnostische Aufgabe bis zum Ende zu lösen, da tritt die synthetische Kraft des Arztes in die Erscheinung, die exakt sinnliche Phantasie, wie Goethe die künstlerische Vorstellung bezeichnet hat, die anschauende Erkenntnis, wie Spinoza sie genannt hat. Durch die Synthese aller Erfahrungen, durch die Fähigkeit, die Fülle der Analogien zu gruppieren und kritisch gegeneinander abzuwägen, kommt es dann über das noch bestehende wissenschaftliche Ignoramus hinweg auch zur exakten Diagnose, die in besonderen Fällen direkt als ein Akt schöpferischer Kraft gewertet werden darf. Zu dieser Verbindung zwischen Gelehrtentum und spezifischem ärztlichen Denken gesellt sich als Drittes zur wirklichen ärztlichen Persönlichkeit das Ethos, das sie beseelt, das tiefe sittliche Mitempfinden mit dem leidenden Bruder, dem ein großer Arzt erschöpfenden Ausdruck mit den Worten verliehen hat: Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein. (Nothnagel.) In dieser Synthese von Wissenschaftler, ärztlichem Praktiker und Techniker mit aufopferungsfähigstem, selbstlosem Menschentum liegt der letzte Sinn der ärztlichen Persönlichkeit. Und das ist auch der Grund, weshalb die Sprache mit ihrer Feinfühligkeit die echte Medizin als Heilkunst bezeichnet hat: Ihre Ausübung bleibt aufs tiefste mit der Persönlichkeit des Ausübenden und seinen individuellen Werten verbunden. Von dieser trialistischen Betrachtung des Arztes als Gelehrten, als sinnvoll-phantastischen Analytiker und als sittlichen Menschen muß auch nach meinem Empfinden die Frage der Anteilnahme der Juden an der Entwicklung der Medizin betrachtet werden. Aus ihrem Gelehrtentum und ihrer sittlichen, durch die Religion diktierten Einstellung erklärt sich die bedeutsame Rolle der jüdischen Aerzte bis ins Mittelalter und bis zur Schwelle der Neuzeit, wo die Medizin exakte Naturwissenschaft zu werden beginnt. Mit der sinnvoll-phantastischen Veranlagung der Juden dürfte es dann auch im Zusammenhänge stehen, wenn auch mit der gewaltigen Entwicklung der modernen medizinischen Wissenschaften die Juden in der Medizin ihren bedeutengsvollen Platz sich gewahrt haben. — Wie jedes Kulturvolk, so haben auch die Juden ihre kultisch-religiöse Aera in der Heilkunde. In den medizinischen Vorschriften der Thora, die im kultisch-zeremoniellen Gewand einen Schatz tiefster medizinischer Weisheiten umkleiden, tritt eine der Kardinaleigenschaften des jüdischen Volksgeistes in die Erscheinung, die uns zum Beispiel auch die besonderen Leistungen der Juden auf dem Gebiete des Handels, aus organisatorischem Gebiete verständlich machen: Das empirische Denken, das Wirklichkeitsdenken, das zugleich eine der Grundlagen ärztlichen Könnens darstellt. Nur aus einer wesenhaften Erfassung der Erfahrungstatsachen, nur aus klarster Beobachtung heraus können die Gesetze der Bibel über die Beschneidung, über die Sabbatruhe, über die Hygiene des Lagers, der Ehe, über die Krankenisolierung, über Reinlichkeits- und Reinheitsprinzipien usw. geschöpft worden sein. Und dieses empirische Denken, das fest auf dem Boden der gegebenen Tatsachen wurzelt, verbindet sich hier bereits mit einer weiteren Grundeigenschast ärztlicher Veranlagung, die wir bereits gestreift haben: Mit dem synthetischen Denken, das aus Einzelbeobachtungen zu einheitlichen zusammenfassenden Folgerungen gelangt. Nur so erklären sich die Vorschriften über Desinfektion, über Trinkwasser, über das Verhalten bei ansteckenden Krankheiten, die bereits Grundprinzipien der modernen Hygiene und Seuchenbekämpfung vorausahnen. So enthüllen sich uns in den Vorschriften der Bibel bereits zwei Grundanlagen des jüdischen Volksgeistes, die wir bereits als Grundvoraussetzungen der ärztlichen Persönlichkeit geschildert haben: Die exakte — modern gesprochen — naturwissenschaftliche Beobachtung der Phänomene und die exaktsinnliche Phantasie, die sie, ohne den Boden der Tatsachen zu verlassen, zu einer höheren Ein-