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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 77

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 77 (sequence 77)
Language
German
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(101) 77 Das Phänomen des jüdischen Arztes. Von Prof. Dr. Felix Rosenthal (Thuringiae), Breslau. Will man die letzten psychologischen Gründe erfassen, aus denen heraus sich der besondere Anteil der Juden an der Entwicklung der Medizin erklärt, so muß man sich natürlich von apologetischen Gesichtspunkten freihalten. Wenn ein Volk wie das jüdische den Stempel seines Geistes der gesamten Menschheitskultur fühlbar auf allen Gebieten echter Kultur ausgeprägt hat, wenn in den geistigen Strömungen sichtbar der Teilstrom jüdischen Geistes zu verfolgen ist, wenn auf allen Gebieten der Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften — wenn man überhaupt diese Abgrenzung gelten lassen will —, die Namen jüdischer Pioniere in unsterblichem Glanze erstrahlen, so bedarf es keiner Verteidigung und Legitimation dafür, daß im Aeropag der Geistesaristokratie aller Völker und aller Zeiten auch die Juden ihren Platz haben. So gilt es also nicht, durch fleißiges Registrieren von Namen und Leistungen die Anteilnahme der Juden an der Entwicklung der medizinischen Wissenschaften zu beweisen und die Bedeutung der durch die jüdischen Träger vermittelten Erkenntnisse quantitativ und qualitativ mit der Gedankenarbeit nichtjüdischer Forscher zu vergleichen und krämerisch gegeneinander abzuwägen. So gilt es denn hier mehr. Wie der Naturforscher — und zu ihm gehört der wissenschaftliche Mediziner und der medizinisch denkende Arzt — zunächst die Einzelerscheinungen kritisch beobachtend verfolgt und über den Weg der Synthese in der Flucht der Erscheinungen das Einigende, das Gesetz erkennt, so muß auch bei der jüdischen Leistung auf dem Gebiete der Medizin das Verbindende, das Spezifische, der Urgrund gesucht werden, und wie Faust muß man hier bis zu den Müttern hinabsteigen, bis zu den Quellen des Volksgeistes, der in seinen großen Söhnen immer von neuem seine geheimnisvolle Wiedergeburt erlebt. Und damit entsteht die Frage, welche spezifischen Züge die jüdische Leistung auf dem Gebiete der Medizin trägt, ob sie Eigenschaften aufweist, die als Kollektiveigenschaften zu bewerten sind, oder ob es sich hierbei nur um Leistungen von Juden handelt, die ohne jede Beziehung zu der jüdischen Eigenart entstehen, ohne Zusammenhang mit dem geboren werden, was wir mehr instinktiv und vorläufig schwer definierbar mit dem Schlagwort der jüdischen Psyche umschreiben. Es wäre ein müßiges Beginnen — und es heißt auch für einen Mediziner die Kompetenzen seines Reiches überschreiten —, wollte ich hier den Versuch wagen, eine Analyse des jüdischen Geistes und seiner Ausstrahlungen auf das medizinische Feld zu geben. Was ich versuchen will, ist eine flüchtig skizzierte Antwort auf die Frage, welche besonderen Eigenschaften die Juden zur medizinischen Betätigung mitbringen und ob diese einigermaßen erfaßbaren Eigenschaften uns eine befriedigende Erklärung zu geben vermögen für die Rolle, die die Juden auf den mannigfachen Betätigungsfeldern der Medizin im Verlaufe der Jahrhunderte erfüllt haben. — Hier bedarf es für eine tiefere Erkenntnis noch einer gewissen Begriffsbestimmung für das, was wir Medizin nennen. Nebersetzt man sie mit dem Begriff der Heilwissenschaft, so kommt die ihr innewohnende Zwiespältigkeit ihres Wesens weit schärfer als im lateinischen Worte zum Ausdruck. (Honigmann.) Sie ist Wissenschaft und Heilkunst zugleich; darin liegt ihr innerer Widerspruch und ihre Größe, die ihr vor allen anderen Wissenschaften ihre besondere Stellung verleiht. Sie ist als Lehre vom gesunden und kranken Menschen reine Naturwissenschaft und wie jede Wissenschaft Selbstzweck. Ohne Rücksicht auf irgendeine Voraussetzung oder einen Zweck sucht sie wie jede andere biologische Wissenschaft durch das Experiment und durch die Beobachtung am Krankenbett die Geheimnisse der Lebensvorgänge zu analysieren und zu entschleiern; jede hierbei gefundene wissenschaftliche Tatsache hat ihren Erkenntniswert, gleichgültig ob sie in Heilmethoden oder Heilmittel umgemünzt werden kann. Wenn die zeitlichen Verhältnisse zur Lösung eines noch so dringlichen Problems — denken wir zum Beispiel an das Krebsproblem —ungünstig liegen, so muß sie warten, bis mit der Erweiterung des Wissensschatzes allmählich auch die Schwierigkeiten für die Erkenntnis beiseite geräumt sind. So bleibt das unverrückbare Fundament der Medizin die naturwissenschaftliche Grundlage; wie sie anderen Disziplinen der Naturwissenschaften zu befruchten vermag, so empfängt sie wechselseitig auch von ihnen neue Anregungen. (Honigmann.)

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