KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 76 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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76 (100) Fingerzeig zu geben, deren Vervielfältigung und Vervollkommnung zu Tage liegen. Immer stärker und ausgesprochener hätte wenigstens ein Teil der C. V.-Arbeit hierauf sich einzustellen, je mehr sie daran denkt, im Wandel von Zeit und Anschauung nicht zu erstarren. Mit sachlicher Betontheit und vornehmer Zurückhaltung hebt sie unseren Eigenwert auf den Schild, der freilich beim Durchschnitt vorlieb nehmen muß, färb- und tonlos nicht aus der Umgebung herauszufallen, der hingegen bei unserer Auslese, welche nicht gering zu veranschlagen ist, etwas Bemerkens- und Dankenswertes zum deutschen Geistesleben hinzuträgt. Dessen Mangel würde notfalls verschmerzt werden müssen, wäre solche Notwendigkeit unentrinnbar, zöge aber in jedem Betracht Lücke und Armut nach sich, die von jedem, der Deutschland am Herzen trägt, beachtet und bedauert sein wollen, lieber Natur- und Menschenrecht hinaus würde unser Platz an der Sonne, der auf diesem Boden uns zukommt, nicht allein um unserer Leistung willen, sondern Deutschland zu Nutz und Frommen uns verbleiben. Soviel es bei alledem auf uns selber ankommt, so bedarf es am Schluß nur eines kurzen Verweises auf eine Doppelverpflichtung, von der, so einleuchtend, so zwingend, so gegeben kraft unserer Einstellung sie sich ausnehmen mag. dennoch eindringlichst geredet werden muß, weil ihr bloßes Wissen und Aussprechen leicht in bequeme Schwärmerei entartet. Das ist die Ausgabe, die in jeder Feierstunde vor unserer Seele liegt, mit ehrlicher Sehnsucht, mit andachtsvoller Ergriffenheit, mit rastlosem Eifer sich in ihre deutschen wie ihre jüdischen Kräfte zu versenken — nicht so, wie dies oder jenes davon durch die Mode, die Zeitung, die Partei begünstigt und empfohlen wird, sondern zur Erweckung, zur Entfaltung und Ausreifung unserer gesamten Persönlichkeit. Gemäß der Schule, die wir durchlaufen, der Gesellschaftsschicht, der wir angehören, der Bildungssphäre, die wir atmen, wird unser Eindringen in Tiefe und Adel des deutschen Geistes zur innigsten, heimlichsten Vertraulichkeit nicht über die Maßen schwer fallen. Demgegenüber darf die gleichgeartete Beschäftigung mit den Werten des Judentums, nicht minder begierig, zu den Quellen unseres Selbst hinabzusteigen, nimmermehr Zurückbleiben — wie könnte sich sonst unsere Wertigkeit erhalten, ohne allmählich zu verblassen, ohne mit ihrer Entblätterung den Stamm der deutschen Geistigkeit reizvoller Knospen zu berauben! Kürzlich sprach jemand, dessen Meinung nicht gleichgültig läßt, mit starker Betonung von den noch selbständig denkenden Juden, und es hörte sich ganz so an, als ginge die Wendung nicht auf unsere Richtung innerhalb der deutschen Iudenheit. Nicht, um ihn zu berichtigen, um den scheinbaren Vorwurf der Lauheit und Farblosigkeit zu entkräften — die Grundeinstellung des C. V. gebietet um ihret-, um unsertwillen, gebietet um der besonderen Leistung willen, die Deutschland von uns zu erwarten berechtigt ist, daß unsere jüdische Verwurzelung nicht gelockert, zerfasert und ausgetilgt werde. Unser Schrifttum warnt in feinsinniger Ausgleichung zweier Bibelverse davor, Vater und Mutter, denen unsere Liebe, unsere Achtung gebührt, gegeneinander auszuspielen. Gilt unverändert für uns, um das Ende an den Anfang zu knüpfen, Gabriel Rießers Zweizeiler von 1831, dann soll das Judentum, das uns zeugte, ebenbürtig und gleichberechtigt neben dem Deutschtum ragen, das uns großzog und pflegte — dann wird es an der Wertigkeit des deutschen Judentums, wird es an deren Anerkennung und Durchsetzung niemals fehlen.