KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 75 (sequence 75)
- Language
- German
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(00) 75 werden, um es dann doch bloß bis zum Stümper zu bringen. Nachdem seine Heilige Schrift, das beste, wertvollste Erzeugnis seiner Veranlagung, dem deutschen Geist das Gebäude seiner Sprache hatte zimmern helfen, wußte er sich in dessen Kammern zu Hause. Er nahte dem Genius sozusagen kongenial — des Umstandes ungeachtet, daß noch das entstellteste Kauderwelsch seiner Zunge, solange man ihn einschloß und absperrte, deutschen Stimmklang und Sprachgebrauch nicht verleugnete. Ist es ein Wunder, daß unverzüglich Moses Mendelssohn den Besten seiner Zeit genügte, daß sie den Stil des deutschen Plato bewunderten, schier beneideten nicht bloß um seiner Glatte, seiner anschmiegsamen Gewandtheit willen, sondern eben in seiner Klarheit, in seinem Reichtum, in seiner Prägnanz? Gabriel Rießer hatte es leicht, der deutschen Sprache seinen Dank abzustatten, daß sie ihm die Wehr gegen denjenigen ermögliche, der ihm mördergleich mit dem Anspruch aus sein Vaterland das Recht auf Gedanken und Gefühle, auf Sprache und Luft bestreite, daß die Muttersprache, liebreicher als alle ihre Jünger, sich mütterlich seiner annehme und ihm ihre mächtigen Waffen zu dem Kamps nicht versage. Entströmte nicht den deutschen Lippen das politische Lied fast immer als ein garstiges Lied, das will heißen: als Parteigezänk, dessen Rechthaberei verdächtigt, mißachtet und aburteilt, so würde bei Heine und Börne trotz allem, was noch einen Treitschke störte, nie die Bereicherung unterschätzt worden sein, die aus ihren Händen die Literatur empfing. Welch duftende, farbige Blüten nahm der Strauß der Lyrik auf, von Goethe, Eichendorff, Möricke gewunden! Welch ungeahnte, zukunftsprächtige Möglichkeiten wurden der Prosa ausgeschlossen! Daß neben den Produzenten im Magazin deutscher Geistigkeit sich dicht geschart die jüdischen Konsumenten drängten, sei im Vorübergehen gestreift! Abermals schlingt sich eine Linie der Entwicklung, zu deren Verfolgung es hinreicht, die wichtigsten Stationen aneinanderzureihen, bis ins Gestern und Heute hinein. Damit im wesentlichen die Literatur beachtet bleibe, zweifellos eines Volksganzen getreuester, durchsichtigster Kulturspiegel, so wird Kant übergangen, dessen Anhängerschaft, Diener und Herold des kategorischen Imperativ, mit Markus Herz einsetzt, um bei Hermann Cohen und seinem Kreise vorderhand zu enden. Für den Bezirk der deutschen Dichtkunst werden auch, zeitlich übercinstimmend, zwei Etappen, zwei Namen genügen, der fernen wie der jüngsten Vergangenheit angehörig: was an der Schwelle des 19. Jahrhunderts die Perliner Salons vollbrachten, einerseits Apostel und Wegbereiter von Goethes Ruhm, anderseits Entdecker und Förderer für die Talente der Romantik, ähnliches leistet am Schlüsse des Säkulums die schlichte, feine Persönlichkeit Moritz Heimanns als Berater des Fischer-Verlages für das zeitgenössische Dichtergeschlecht. Um bei diesem nun abschließend zu verharren, um aus unserer Gegenwart die Wertigkeit des deutschen Judentums unübersehbar zu belegen, braucht man nicht aus eigener Erfindung und Willkür bald hier, bald dort einzelne Vertreter zusammenzuklauben. Man braucht, nachdem unser dichterisches Geistesleben seine Sichtbarmachung, seine Repräsentanz in der preußischen Dichterakademie erhielt, nur in der Gesamtheit auf deren Angehörige jüdischen Blutes und jüdischen Geistes zu verweisen, auf die, die in der Tat berufen, wie auf die, die in privater Erörterung und Abstimmung als würdige Anwärter vorgeschlagen wurden. Da beantwortet sich die Frage von selbst, ob und wieweit durch einen solchen Beitrag — die Reihe ist nicht minder stolz und ehrenvoll als die der jüdischen Nobelpreisträger, die, mit Fug auf Deutschlands Konto verrechnet, dessen Bilanz vor der prüfenden Welt gewiß nicht verschlechtern —, die Frage beantwortet sich wirklich von selbst, ob und wieweit durch den jüdischen Beitrag die Leistung der deutschen Geisteswelt gemehrt, erweitert und vertieft wird. Inwiefern aber die, die dem deutschen Namen da Glanz verleihen, zugleich dem unseren Ehre machen, jeder ein Zeuge unserer Art und Wertigkeit, wie noch jeder Große, in sich hineinhorchend, in seinen Tiefen verborgene Quellen rauschen hörend, von sich bekannte, er sei Exponent, Produkt und Summe der tausend Kleinen, aus denen er hervorging — für diese Erkenntnis reicht eine oberflächliche Betrachtung der deutschjüdischen Dichtkunst der Jetztzeit hin. Der künftige Literarhistoriker, der vielleicht von einer jüdischen Dichterschule am Beginn des 20. Jahrhunderts reden dürfte, wird zwei Merkmale an ihr unterscheiden: das Einsetzen für soziale Gerechtigkeit (steckt darin nicht unser Erbteil von den Zeiten der Propheten her?) und dazu ein leidenschaftlicher Hang, sich einzufühlen, sich hineinzubohren in andere Wesen, zumal wenn sie gedrückt, zertreten und verkrüppelt sind (ward nicht gleichfalls Israel darauf hingelenkt, seitdem es in Aegyptens Fron die Seele des Fremdlings, das Gemüt des Sklaven in der eigenen Brust kennen lernte?). Ein jähes Schlaglicht, aus winzigem Spalt darauf geworfen, wird zur lodernden Fackel, die zur wechselseitigen Erhellung deutsche und jüdische Strahlen harmonisiert. Eedankengang und Beweisführung, die dargelegt wurden, maßen sich keineswegs an, etwas Erschöpfendes zu bieten. Sie bescheiden sich damit, nicht viel mehr als Ansatz, Stichwort und