KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 74 (sequence 74)
- Language
- German
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74 (98) wozu der deutsche Jude schlechthin sein Recht am Staate beanspruchte, was, um auch ein Beispiel der Masse zu bringen, die Posener Juden (jenes verwirrenden Zwischenspiels ungeachtet, zu dem einen Bruchteil von ihnen Aufregung und Bestürzung des Revolutionsnovembers hinriß) durch ein volles Jahrhundert zu Deutschlands Gunsten übten. So springt im staatlichen Bereich die Wertigkeit des deutschen Judentums heraus — ohne Verdunkelung und Uebermalung, ein Mosaik, aus tausend Steinchen zusammengesetzt (aber wieviel Blöcke von Bismarcks Wucht brachte schließlich die deutsche Nation hervor), im ganzen ein Bild, das würdig und angemessen in Deutschlands Galerie hängen darf. Ein Staat, will er seine irdische Form, sein zeitliches Dasein vor der Ewigkeit rechtfertigen, so erweist er sich als das Gefäß seines Volksgeistes. Er hat das Behältnis, das Sammelbecken zu sein, das alle seelischen Strömungen der Gesamtheit in ihrem Fluten und Wallen einfängt, verwahrt und weitergibt. Darf unser Judentum sich nachrühmen lassen, es habe nicht beiseite gestanden, es habe mit Hand anlegen dürfen, als das Gefäß des deutschen Geistes geformt und geschliffen wurde, so erhebt es füglich nicht minder den Anspruch, auch an dessen Auffüllung und Durchdringung sei es nicht unwesentlich beteiligt. Wiederum erübrigt es sich, will man den Dingen aus den Grund gelangen, in gar zu entlegene Schichten hinabzustoßen. Gleichwie die Anfänge des heutigen deutschen Nationalstaates erst vom Aufstieg Brandenburgs nach dem Dreißigjährigen Krieg datieren (höchstens auf die Ideenwelt des Mittelalters wurde späterhin ausnahmsweise zurückgegriffen, wobei in Klammern eingeschaltet sein mag, daß der deutsche Kaisertraum in lückenloser, ungebrochener Gradlinigkeil auf die jüdische Messiaserwartung zurückgeht), gleichermaßen ist alles, was die Lebendigkeit der deutschen Geisteswelt ausmacht, überaus jung. Freilich übertreibt man gelinde, wenn man es so hinstellt, als sei jetzt in deutschen Hirnen und Herzen nichts mehr wirksam, dessen Spuren (beträchtlich abgerundet) die Grenze von 1800 unterschreiten. Immerhin erfordert es die Logik der Dinge, daß der deutsche Geist, soweit er, nicht mehr das Privileg einer auserlesenen Gruppe, Schicht um Schicht die Gemeinschaft durchdrang, erst sein Auge aufschlug, wie die Zauberformel einer Sprache, allen verständlich, allen gemeinsam, ihn aufwachen ließ: Luthers schöpferische Tat rief ihn ins Leben. So wenig ein launischer, blinder Zufall dem Reformator dasselbe Buch in die Hanh drückte, dessen Aebertragung aus der Feder des Gotenbischoss Nlfilas das germanische Schrifttum überhaupt eröffnet, so wuchs es sich nunmehr zu unermeßlicher, unergründlicher Tragweite aus, wurde die jüdische Bibel zur deutschen Fibel. Was an Redewendung und Wortverbindung, an Gleichnis und Bild ins Sprechen eindrang, durchsetzte das Denken, ergriff das Gefühl. Es wandelte sich in Begriff und Empfindung; es wurde unvermittelt zur zweiten Natur. Wurde letzthin von hervorragender Stelle, die seit Jahren für einen namhaften Bereich deutschen Bildungswesens die Verantwortung trägt, wurde letzthin von ihr das hohe sittliche Pathos des Judentums als unverlierbarer Bestandteil des deutschen Geistes gepriesen. so dürfte dort der Ursprung, die unzerreißliche Verknüpfung zu suchen sein — stärker und inniger, weil minder bewußt, zielstrebig und absichtsvoll, als etwa in der Christianisierung der deutschen Massen, ihrer Anerkennung und Uebernahme des Heiles, das von den Juden kam. Nimmt man nach fremdländischer Verwilderung und Entartung die Genesung, die Wiedergeburt des Deutschen hinzu, wie durch eine Fügung zur gleichen Zeit gelungen, während deren das deutsche Judentum sich aus der Unkultur des Ghettos hinauszusehnen begann, da genügt der Hinweis auf die beiden großen Geburtshelfer der Klassik, auf Lessing, der imPfarrhause aufwuchs, und auf Herder, der im Pfarrhause starb. Bei letzterem steht noch die Erwähnung frei, wie er am Vorbild der hebräischen Poesie die echte, unversiegliche Dichtkunst lehrte, die im Schoße des Volkes aufspringt und sprudelt. Unter allen Umständen wird mit einem Schlage ein Doppeltes klar ohne Künstelei, ohne Gewalt und Verschrobenheit: einmal, wie deutsches Schrifttum und Geistesleben ihren Einschlag von jüdischer Wertigkeit in sich tragen, der in ihnen unerforschliche, unentziehbare Bezirke umklammert, und sodann, wie die Juden, schließlich zu Staat und Gesellschaft, zu Bildung und Geistigkeit zugelassen, sich vertraut, ja heimisch finden und geben mußten. Hermann Cohen schoß über das Ziel hinaus, wenn er in dem Bestreben, die Kreise von Deutschtum und Judentum ohne Ueberschneiden zur vollkommenen Deckung zu bringen, Deutschland als die Heimat jeder jüdischen Seele ansprach, gleichviel, wo deren Träger über die Erde dahinschreite. Aber soviel bleibt von seinen Bemühungen, vornehmlich im denkerischen, gewissensmäßigen Bereich die Gemeinsamkeiten, Anziehung und Durchdringung von jüdisch-religiöser und deutschidealistischer Einstellung aufzudecken, trotz mancher Ueberspannung bestehen: der Jude, der in die Werkstatt des deutschen Geistes eintrat, um als Gehilfe und Mitarbeiter sich zu betätigen, klopfte nicht als Fremder an die Tür. Er war nicht darauf angewiesen, herablassend als Lehrling eingestellt zu