KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 72 (sequence 72)
- Language
- German
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72 (96) losen Schablone entwürdigt zu werden. Allein Wust und Kleinkram der täglichen Abwehr wurden ihm oft genug gefährlich, daß er abgenutzt und überwuchert wurde. Zu dem leicht schematischen System, das auf die Lange eintönig und schwächlich werden konnte, kam obendrein die negative Methode hinzu. Sie war auch ungesucht, auch wider Willen aufgenötigt. Gerade aus der Anschauung heraus, eigentlich habe man die Festung genommen, es gelte nur, ihre Wälle zu schirmen und festzuhalten, sah man sich von je in die Verteidigung gedrängt. Man empfing das Gesetz des Handelns vom Gegner. Ihm überließ man die Zeit des Ansturms wie die Auswahl der Angriffsflächen. Er stimmte den Kampfruf an, der hernach durch das umgekehrte Feldgeschrei beantwortet und übertäubt werden mußte. Stieg wohl nicht selten der Ekel auf, der den großen Friedrich schüttelte, mit welchem Pack er sich herumschlagen müsse, man glaubte, sich ihm nicht entziehen zu dürfen. Man stand ihm Rede und Antwort, daß wir nicht anders, nicht schlechter seien als die übrigen. Man häufte den Beweis, daß wir nicht den Teufel anbeteten, daß wir nicht Meineid und Anzucht übten, daß wir zu den Verbrechern keine größere, zu den Kriegsopfern keine geringere Zahl stellten, als uns gleichmäßig zukomme. Man ermüdete nicht, wie gelegentlich bekannt wurde, jedem Buben zu versichern, daß wir keine Mörder von Religions wegen seien. Den Männern, deren Selbstverleugnung sich immer wieder zur Deckung vorwarf, sich immer wieder in die Bresche legte, die von denen ringsum geschlagen wurde, gebührt uneingeschränkt Achtung und Bewunderung. Doch eben, wer sich in ihre Seele versetzt, wird mit ihnen empfinden, daß solche Kampfesart, dem Diktat eines im Grunde verachteten Gegners gehorsam, der nicht belehrt werden kann, weil er nicht belehrt werden mag — solche Kampfesart unterliegt ihren Bedenken. Sie ist statthast, wo sie nicht zu umgehen ist, wo ohne Ausweg Dinge und Menschen sie erzwingen. In der leidigen Notwendigkeit liegt ihre einzige Rechtfertigung. Bestünde jedoch eine Möglichkeit, wenigstens zum Teil von ihr loszukommen, so würde man nicht nur selbst Freude und Genugtuung davon tragen. Eine Lossagung müßte auch irgendwie der Sache zugute kommen, die mit der gänzlichen Beibehaltung recht geringe Fortschritte zurücklegte. So kommt vielerlei zueinander von hier und von dort, um die Betrachtung zu unterstreichen, die sich in unseren Blickkreis schob. Es sieht wirklich so aus, ohne die Geltung der Ideen von 1789 oder 1848 für sich und darüber hinaus in Frage zu stellen, als wäre es an der Zeit, unsere Verwurzelung im deutschen Mutterboden kraftvoller und eigenbewußter zu demonstrieren. Den Ausschlag dürfte aber eine weitere Erwägung geben, ein Versuch, unserer Zeit ins Antlitz zu blicken, ihre Züge ins Auge zu fassen. Woran es nun liegt, von welcher Seite der Rückschlag sich äußert, kann dahingestellt bleiben. Die folgende Tatsache ist vorhanden: es ist, als bäume sich in letzter Stunde die Einzelseele gegen die Mechanisierung, die von überall her auf sie eindringt. Die schlummernde Gefahr (Rathenau beschwor sie unablässig mit prophetischer Warnung) wurde jetzt offenbar, seitdem die allgewaltige Wirtschaft, ihre Methoden amerikanisch rationalisierend, beschleunigt die Entwicklung aufnahm, aus welcher der Krieg schon die Summe unserer Zivilisation zog, indem er die Buntheit der Individuen zur grauen Masse zusammenballte. Europa und vor allem sein Herzstück Deutschland wehrt sich bei aller Einsicht, wie Staats- und Handelsgrenzen sich abschleifen müssen, um nicht neuerlich das Greuel der Völkerzerfleischung zu entfesseln, doch gegen das Schicksal, zu einem Kulturbrei verrührt zu werden. So wogt es, um bloß von uns hierzulande zu sprechen, voll romantischer Sehnsucht in der Jugendbewegung, die Reiz um Reiz ihrer engsten Heimat entschleiern und umarmen möchte. So scheut, um einen Auswuchs als Symptom zu bringen, eine wissenschaftlich sein wollende Rassenkunde nicht davor zurück, anstatt Typen zusammenzufassen, Nord und Süd auseinanderzureißen, Gebirge und Flachland gegeneinander auszuspielen. So treibt man deutsche Literaturgeschichte, die einmal im 19. Jahrhundert ein wichtiger Faktor für Deutschlands Einigung noch vor der politischen Wiedergeburt gewesen, heutzutage gesondert nach Stämmen. Man begreift den edlen Partikularismus, der sich davor fürchtet, München oder Dresden als Kulturzentren verschwinden, alles nach Pariser Muster in den Berliner Schmelztiegel geworfen zu sehen. Wie sich der Sonnenstrahl glitzernd bricht, wird der Reichtum in der Mannigfaltigkeit gefunden und verehrt. Die Eigenwertigkeit, die sich differenzieren und nüancieren läßt, feiert ihren Triumph. Worauf es demzufolge für unsere C. V.-Arbeit ankommt, sofern sie glaubt, allen diesen Voraussetzungen und Zusammenhängen sich nicht zu versagen, wäre dies: eine Erkenntnis zu erschließen und zu vermitteln vom Werte des deutschen Judentums, das, ohne etwa sich abzusondern, ohne sich zu entfremden, durch merkliche Mitarbeit sozusagen ein Mehrer ist am Reiche des deutschen Geistes. Eine hiernach schürfende Untersuchung, schon um auf kein ungegründetes Mißtrauen zu stoßen, hätte sich aller Aebertreibung zu