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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 50

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 50 (sequence 50)
Language
German
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50 (74) Rechnung getragen wird. Wie immer man auch den Wert und die Zukunft der jiddischen Kultur beurteilen mag, sie ist vorhanden! Unterricht muß in jiddischer Sprache erteilt, Bekanntmachungen der Behörden müssen in ihr erlassen, Gerichtsverhandlungen in ihr geführt werden. Diese und manche andere sind einfache Forderungen der elementaren Gerechtigkeit und der praktischen Lebensmöglichkeit, die gewiß nicht auf Grund von jüdischer Autonomie, wohl aber infolge der individuellen Gleichberechtigung aller Staatsbürger erfüllt werden müssen. Und daß politisch zum Schutze der besonderen jüdischen Interessen die Juden des Ostens sich als solche zusammenschließen, anstatt wie im Westen sich auf verschiedene, allgemeine Parteien zu verteilen, ist begreiflich. Gefährlich wird es nur, wenn aus diesen Tatsachen ein System, das der nationalen Autonomie gemacht werden soll. Denn dadurch werden Zustande, die dem Unrecht ihre Entstehung verdanken, entschuldigt, gerechtfertigt und verewigt. Darin eben besteht die größte Gefahr der nationalen Autonomie, daß sie den Kampf ums Recht aushält. Wohl gehen die Wege der Geschichte nicht immer aufwärts, kreuz und quer führen sie, und oft wieder zeitweilig in die Tiefe! Klar aber hebt sich die Richtung der jüdischen Entwicklung heraus. Mit der Treue zur jüdischen Religion in ihrer den Geltungsbereich anderer Glaubensbekenntnisse weit überschreitenden, umfassenden Größe verbindet sich die unbedingte Kulturassimilation der einzelnen Teile der Iudenheit. Und die Güter, die die nationale Autonomie heute schützen will, sind nichts Jüdisches, sondern nur Produkte der Anpassung aus vergangener Zeit. Mögen sie vorhanden sein, mögen sie in ihrer Fähigkeit zum Abschluß und zum Schutze zuweilen nützliche Dienste verrichten, Werte sind sie darum nicht, und daß die jiddische Kultur in Wahrheit nur Ghettokultur ist, erweist die Praxis. Werden die Mauern des Ghettos niedergelegt, schwindet sie! Und das Streben nach nationaler Autonomie muß im letzten Grunde darum abgelehnt und bekämpft werden, weil es in die natürliche Entwicklung der Iudenheit hemmend eingreist! Die hier flüchtig skizzierten Anschauungen sind Ausdruck einer Auffassung vom Wesen, von der Geschichte und von der Zukunft des Judentums, die von der überwiegenden Mehrheit der deutschen Iudenheit wie von denen des Westens überhaupt vertreten wird. Wenn in den letzten Jahrzehnten die Meinungen sich geklärt, die Grundzüge des Systems sich herausgehoben, die Ueberzeugungen sich gefestigt haben, so ist das vornehmlich der Arbeit jener Führer des deutschen Judentums zu verdanken, unter denen mit an erster Stelle unser Ludwig Holländer steht. Ihm sei zu seinem fünfzigsten Geburtstag der Aufsatz in aufrichtiger Verehrung gewidmet. Er sei ihm ein herzlicher Dank für eine Fülle von reicher Anregung, von freundschaftlicher Förderung, er sei ihm ein herzlicher Wunsch, daß der allmächtige Gott ihm für lange Jahrzehnte Frische und Gesundheit, Kraft und Mut, Begeisterung im Kampfe und Glauben an das Ziel schenke!

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