KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 49 (sequence 49)
- Language
- German
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(73) 49 lich haben sie betont, daß es sich um innere Fragen handele, die - nur durch sie selber zu lösen seien. Gewiß sind die ungarischen Juden keine nationale Minorität, aber ihre Stellung hätte auch in diesem Falle keine andere sein können, wenn sie sich nicht den Vorwurf der Arbeit gegen das eigene Land zuziehen wollten. Und jüdische Minoritäten durch den Hinweis auf den Völkerbund und seine Hilfe in ihren Bestrebungen zur Erreichung nationaler Autonomie ermutigen zu wollen, bedeutet blutigen Hohn! Es hat, obwohl bei eingehender Ueberlegung die Zwecklosigkeit und Schädlichkeit einer jüdischen nationalen Autonomie, ja ihre Unmöglichkeit sich sofort von selber ergibt, an Versuchen nicht gefehlt, sie zu verwirklichen! Meist haben sie nur in die Reihen der Juden Verwirrung getragen und sie an der tatkräftigen und einheitlichen Vertretung ihrer Interessen gehindert. Besonders lehrreiche Beispiele nach dieser Richtung sind Deutsch-Oesterreich und die Tschechoslowakei. Ohne daß in beiden Ländern eine wirkliche nationale Autonomie in Betracht gekommen wäre, erwies es sich doch aus politischen Gründen der Zweckmäßigkeit als notwendig, daß zum Schutze der bedrohten bürgerlichen und sonstigen Gleichberechtigung jüdische Abgeordnete gewählt werden mußten. Die Agitation für die Umgestaltung der Iudenheit in eine mit autonomen politischen Rechten ausgestaltete Körperschaft hat in beiden Fällen durch die dadurch hervorgerufene Spaltung es schließlich verursacht, daß die Juden und ihre Forderungen ohne jede Vertretung geblieben sind. Gewiß bedeuten diese Beispiele nur etwas für die inneren Gefahren, die aus der Agitation erblühen. Vollzählige Beweiskraft besitzt aber der Fall Litauen. Dort hatte man eine nationale Autonomie in aller Form den Juden zugestanden, und es gab sogar ein Ministerium für jüdische Angelegenheiten mit einem jüdischen Minister. Die erste politische Wendung genügte jedoch, um das ganze Gebäude kraftlos einstürzen zu lassen. Mit einem Federzuge schaffte die Regierung die nationale Autonomie ab, und als der jüdische Minister sich eines Morgens in seine Amtsstube begeben wollte, fand er — buchstäblich — verschlossene Türen! Damit war aufs deutlichste dargetan, daß die ganze Autonomie lediglich von der Laune der herrschenden Kreise äbhängt und keine feste Grundlage bietet. Die Gefahren, von denen bereits oben kurz die Rede war, ergeben sich vor allem daraus, daß die Agitation für nationale Autonomie meist Demonstrationspolitik ist, die mit tönenden Forderungen auftritt und dadurch sich selber — nicht die Welt — über die eigene Schwäche täuscht. Hinter jeder Demonstration muß eben eine wirkliche Macht stehen, und es gibt nichts Gefährlicheres im Staatsleben ,als wenn mit Reden eine Macht vorgetäuscht wird, die beim ersten zaghaften Vorstoß des Gegners in sich zusammenbricht. Jede solche Demonstration reizt nur zu neuen Verfolgungen und Unterdrückungen an. Ein besonders bekannter Beweis für die Gefahren solcher Agitation sind die lehrreichen Vorgänge in Posen nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Dort errichteten übereifrige jüdische Führer sofort einen „jüdischen Volksrat", der als selbständiger Körper neben den deutschen Volksrat trat. Die polnische Regierung, die selbstverständlich alles begünstigte, was den Zwiespalt unter den Deutschen förderte, ließ ihn vorerst gewähren, und den Leitern der Bewegung schwoll der Kamm gewaltig. Es entwickelte sich, wie sich aus den Berichten des Volksrates und seiner Gegner klar ergibt, eine possierliche, politische Geschäftigkeit, die vor allem schwungvolle Reden und feierliche Besuche bei allen erreichbaren polnischen Verwaltungsstellen und fremden Missionen gebar. Mit dem Augenblicke aber, da die polnische Regierung sich stark genug fühlte, war der schöne Traum zu Ende, der jüdische Volksrat war erledigt, alle Juden waren gleich, ob sie sich nun zum deutschen oder jüdischen Volksrat bekannt hatten, und die Führer der Bewegung, eben noch auf stolzen Rossen, zogen es vor, das jüdische Volk nicht mehr in Posen zu beglücken, sondern sie entdeckten plötzlich ihr deutsches Wesen und zogen alle nach dem Westen! Dem jüdischen Ansehen war freilich in Deutschland durch diese Tragikomödie ein gewaltiger Stoß versetzt worden, und der innerliche Schade, die Vermehrung der Gegensätze, die noch heute fortwirkt, soll dabei noch gar nicht besonders hervorgehoben werden. Die Säkularisierung des Judentums dadurch zu verwirklichen, daß man aus der in Palästina werdenden jüdischen Siedlung, die trotz mancher Rückschläge sich langsam aber günstig entwickelt, einen Staat zu machen versucht, ist ein Werk, das man fördern oder — wie wir es tun — ablehnen kann! Den Kräften-, die es betreiben, wird man jedoch die Achtung, die Anerkennung ihres ehrlichen Willens, nicht versagen dürfen! Nationale Autonomie aber in der Diaspora zu erstreben, ist ein Beginnen, das mangels aller erforderlichen Voraussetzungen kultureller und politischer Natur immer wieder zum Zusammenbruche bestimmt ist. Jeder neue Versuch muß mit ernster Schädigung und Schwächung des Judentums ausgehen. Diese Erkenntnis schließt natürlich nicht aus, daß den im Augenblicke bestehenden kulturellen und politischen Bedürfnissen, insbesondere der Juden des Ostens, 4