KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 47 (sequence 47)
- Language
- German
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(71) 47 Osten die jüdische Sonderheit vor der Höhe des deutschen Lebens einfach verschwand, beginnt es in Polen auch zu werden. Der gewaltige kulturelle Ausstieg, den das polnische Bürgertum nimmt, bedeutet die beginnende Kulturanpassung für den Juden. Und der „polnische Staatsbürger jüdischen Glaubens", der genau so überzeugter Jude ist wie sein deutscher Glaubensbruder, gestern noch eine verlachte Konstruktion, ist heute eine Wirklichkeit und morgen vielleicht schon die Regel. Daß in Nordamerika die jiddische Kultur eine durch den Zwang zwar zeitweilig gefestigte, aber doch nur eine Uebergangserscheinung ist, bedarf keines Beweises. In der zweiten Generation existiert sie dort nicht. Die nationale Autonomie der Juden entbehrt demnach ihrer ersten Voraussetzung. Ihr liegt keine große, positiv wertvolle, der Erhaltung würdige Kultur zu Grunde. Und das ist nicht etwa die Meinung der Gegner des Nationalismus, sondern die so mancher eifriger Nationalisten, die die Schaffung einer neuen hebräischen Kultur für das Judentum propagieren und aus ihrer Geringschätzung, wenn nicht ihrer Verachtung für den, „Jiddischismus" keinen Hehl machen. Auch seelische Momente spielen aber ihre große Rolle. Und für sie ist das Wertproblem entscheidend. Nationale Autonomie wird nur dort von Segen sein, wo ein starker Volkswille mit Stolz die Erhaltung der Eigenart fordert. Sobald ihr Wert feststeht, sobald jedes Glied der Gemeinschaft von ihm durchdrungen ist, wird die gewährte Selbständigkeit die Volkskraft erhöhen und dem einzelnen Festigkeit gewähren. Wenn insbesondere die niederen Schichten sich mit den sozial höher stehenden und der Intelligenz eins fühlen in dem Streben nach einem Leben und Wirken in den Formen und dem Geiste der Eigenart, wird die seelische Vorbedingung erfüllt sein. Das Streben nach nationaler Autonomie bedeutet einen Wunsch nach Absonderung, in dem Bewußtsein der Kraft, auch in der Vereinsamung Großes leisten zu können. Und diese seelischen Voraussetzungen fehlen dem Juden fast ganz! Man darf nicht etwa den Stolz auf die Eigenart des jüdischen Geistes und der jüdischen Religion mit dem auf die jiddische Kultur verwechseln. Jener ist gewiß ebenso vorhanden, wie dieser fehlt. Die jiddische Kultur gehört in die Sphäre des Kleinbürgers, die Führer schreiben und sprechen — einzelne Ausnahmen seien gewiß rühmend anerkannt — meist hebräisch, deutsch, polnisch oder russisch. Den Träger der jiddischen Kultur bewegen, sobald er mit der Außenwelt in Berührung kommt, oft Gefühle der eigenen Minderwertigkeit! Er findet sich mit seinem Wesen ab, aber er nimmt es selber nicht für voll. Und völlig fern ist ihm das Selbstbewußtsein eines Tschechen oder Ungarn, der unbeirrt seine Sprache und nichts anderes redet. Gewiß mag dieser Mangel an eigener Wertschätzung mit der traurigen politischen Lage der Ostjuden, mit dem Gedrücktsein und der Furcht vor Verfolgung, Zusammenhängen. Aber die Tatsache bleibt, daß die jiddische Kultur auch bei bewußten Vertretern des Judentums schwindet, sobald diese in soviel höhere Schichten aufrücken. Und der Eigenart des „armen Mannes" fehlt die seelische Kraft, die ihn mit Stolz erfüllen könnte. So wird ja auch tatsächlich die nationale Autonomie im Osten weniger von den Volksmassen selber als von Führern gefordert, die selber sich nur in Stunden der Herablassung zu der kulturellen Eigenart ihres Volkes bekennen. Es gibt auch gewisse ökonomische Voraussetzungen einer gedeihlichen nationalen Autonomie, die mit der Forderung Zusammenhängen, daß sie nicht einseitig nur von bestimmten Volksschichten gefordert werden darf. Wenn auch keineswegs eine nationale Minorität etwa in sich ein verkleinertes Spiegelbild des gesamten Wirtschaftskörpers darzustellen braucht, so daß in ihr alle Gebiete des Berufslebens vertreten wären, so müssen doch sich wenigstens weitgehende Verschiedenheiten der wirtschaftlichen Betätigung und der wirtschaftlichen Interessen vorfinden. Es liegt eine Gefahr darin, wenn die Minorität einseitig zusammengesetzt ist. Leicht wird sie dann zu einer Interessenvertretung, und ihr Verhältnis zu den übrigen Volksteilen wird dann nicht von den idealen Bestrebungen der Erhaltung der Eigenart, sondern von den sehr realen Kämpfen um Berufsinteressen geregelt. Das bedeutet natürlich eine große Gefahr, denn einerseits werden so kulturelle Inhalte mit wirtschaftlichen fest verbunden und ins Kleinliche gezogen, andrerseits aber läßt sich nie ein befriedigendes Verhältnis zur Majorität des Volkes Herstellen, die stets annehmen wird, daß die nationalen Forderungen nur ein Deckmantel für die Erlangung wirtschaftlicher Vorteile sind. Die Juden des Ostens, als die typischen Kleinbürger, gehören nun alle der wirtschaftlichen Schicht der städtischen Händler und Handwerker an. Ihre Wirtschaftsinteressen sind die gleichen, denn die höheren Schichten des Reichtumes und der Intelligenz rechnen sich entweder nicht zum Volke oder sie kommen wegen ihrer geringen Zahl nicht in Betracht. Daß auf einem eigenen Territorium in Palästina ein Volk von städtischen Händlern und Handwerkern unmöglich existieren kann, ist eine allgemein anerkannte Wahrheit. Daß mit gewissen Einschränkungen dasselbe auch von jedem nationale Autonomie heischenden.