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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 46

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 46 (sequence 46)
Language
German
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46 (70) ZU. Und so lag es an sich nahe, auch die Juden in den Kreis derer einzubeziehen, die dieses Vorteils — als ein solcher wird die Gewährung einer so bevorzugten Stellung zunächst einmal anzusehen sein — teilhast wurden. Wenn dennoch von einem großen Teile der Iudenheit und zwar auch derer, die an sich nationaler Gesinnung sind und den Judenstaat in Palästina ersehnen, die nationale Autonomie überall und unter allen Umständen abgelehnt wird, so liegen die Gründe in dem Bewußtsein, daß nur eine oberflächliche Betrachtung der Dinge von einer Gleichheit der Vorbedingungen im Judentum und in den anderen nationalen Körpern sprechen kann. Ls bestehen eben in Wahrheit ganz tiefgehende Verschiedenheiten der seelischen Struktur, der kulturellen Ziele, der ökonomischen und sozialen Lebensumstände, der politischen Lage sowie auch des objektiven Rechts, in dessen Boden die Forderung wurzelt. In den folgenden Ausführungen sollen die notwendigen Voraussetzungen für das Verlangen nach nationaler Autonomie dargestellt, und die Frage soll untersucht werden, inwieweit sie aus das Judentum zutreffen. Das Ergebnis wird erklären, warum alle bisherigen Verwirklichungen der jüdischen Forderungen dem baldigen Untergänge anheimfielen und warum die Willensrichtung, die auf diese Wege führt, außerordentliche politische und seelische Gefahren in sich birgt. Erste und wesentliche Voraussetzung des Verlangens nach nationaler Autonomie muß die unbestrittene kulturelle Andersartigkeit der Minorität sein. Es genügt hierzu freilich im allgemeinen noch nicht, daß die Unterschiede wirklich vorhanden sind. Auch ihr Wert muß ebenso beachtet werden, wie die Feststellung, daß die Eigenschaften der Minorität ein Teil eines Ganzen seien und nicht etwa nur gerade bei dem einen Beispiel vertreten sind. Autonomie wird mit Nutzen nur einem solchen Volksteile zugesprochen werden können, der Glied einer anderen anerkannten Kulturgemeinschaft ist. Ebenso ist es erforderlich, daß diese eine gewisse Zukunft, wenn nicht gar einen von der übrigen Welt ihr zugesprochenen Eigenwert.hat. Denn derSinn der nationalen Autonomie ist die Erhaltung und Förderung einer Kultur, nie und nimmer aber nur der Schutz einer wohl vorhandenen, aber an sich gleichgültigen Verschiedenheit. Ebenso sind ihre Voraussetzungen dann nicht gegeben, wenn die kulturellen Eigentümlichkeiten nur bei dem einen Sonderfalle vertreten sind, weil hier die weitere Entwicklung nicht aus freier und ungehemmter Volkskraft, sondern aus den durch die Zusammengehörigkeit mit der Majorität geschaffenen Verhältnissen sich ergibt und unter einem Zwange steht. Ein Beispiel wie das Irlands spricht nicht dagegen, weil hier ein Volk auf eigener, deutlich begrenzter Erde eine eigene Kultur entwickelt hatte und nur durch die Ungunst der Politik in die Rolle einer nationalen Minderheit gedrängt war. Klar ist dagegen, daß deutsche Minoritäten überall Autonomie verlangen dürfen. Sind sie doch Glieder eines großen und wertvollen Kreises, der eine große Zukunft hat, empfangen sie doch immer wieder durch den Zusammenhang mit dem Ganzen neue Bereicherung und überwinden dadurch die aus ihrer Minoritätsstellung erwachsenden Einflüsse des Zwanges und der Unfreiheit. Schon dieser erste und wesentliche Gesichtspunkt zeigt, daß das Streben nach nationaler Autonomie seitens jüdischer Volksteile verfehlt ist. Die kulturelle Verschiedenheit sei natürlich nicht bestritten, denn ein polnischer Bauer und ein jüdischer Händler sind etwas ganz anderes. Aber der Wert der jiddischen*) Kultur erweist sich bei näherer Betrachtung als nur relativ. In Wahrheit ist die ostjüdische profane Kultur, so groß auch ihre in der Zeit wirkenden seelischen, künstlerischen, literarischen und sonstigen Werte sein mögen, von jedem höheren Gesichtspunkte aus ohne bleibende Bedeutung. Weder ist sie ihrem Ursprünge nach jüdisch — ist sie doch lediglich das durch das Eigenleben der Jahrhunderte spezifisch gefärbte Gut des deutschen Mittelalters — noch ist sie für die Iudenheit allgemein! Denn andere Zweige unserer Gemeinschaft, wie die türkischen, die persischen, die nordafrikanischen Juden haben auch eine besondere, aber von der ostjüdischen ganz verschiedene Kultur, und daß diese letztere etwa je die Kultur der gesamten Iudenheit — vielleicht gar im werdenden Palästina — sein könnte, ist ganz undenkbar. Sie ist aber auch in dem Sinne relativ, daß rhre Existenz lediglich von der kulturellen Höhe der Umgebung abhängt. Nur dort, wo die jüdische Lebensart, mit der ihres Wirtsvolkes verglichen, die höhere ist, kann sie sich halten, nur darum gibt es eine jiddische Sprache und Kultur im Osten. Sonst fällt sie erbarmungslos dem Gesetze der natürlichen und naturnotwendigen Assimilation zum Opfer. Inmitten der slawischen Bauern des Ostens kann sich jiddische Kultur als die höhere auch nur solange halten, wie die Städte nicht in der Kultur aufsteigen, und in Wahrheit sind wir bereits mitten in dem Auflösungsprozeß. Wie einst im deutschen *) Der Einfachheit halber sei zur Bezeichnung der spezifisch ostjüdischen Kultur das an sich nicht recht paffende aus dem Englischen stammende Wort „jiddisch" angewandt.

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