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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 45

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 45 (sequence 45)
Language
German
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(69) 45 Nationale Autonomie. Von Dr. Felix Goldmann, Leipzig (Thur., Saxobav.) Die letzten Jahrzehnte stehen im Zeichen der Versuche, das Judentum zu säkularisieren. Drei Faktoren wirkten zusammen, um das Judentum auf politischer Grundlage neu zu organisieren, und es als gleichwertiges Glied in die Menge der Nationen einzureihen. Als erster trieb natürlich der nationale Gedanke an sich, der die Politik des 19. Jahrhunderts völlig beherrschte und der das Endziel sozialen Willens in der möglichsten Förderung der durch ihr Sonderleben ausgezeichneten und erkennbaren Teile, der Nationen, erblickte. Diese Grundrichtung konnte nicht ohne Einfluß bleiben, sobald man nach der Emanzipation im Zeitalter des religiösen Niederganges eine neue Deutung für das Wesen des Judentums suchte, lind so bot sich zum Zweiten der Nationalismus als Ersatz für die das Judentum bisher einigende religiöse Grundlage. Zum Dritten aber erfuhr der Nationalismus als Erklärungsprinzip jüdischen Seins dadurch starke Förderung, daß große Teile der östlichen Zudenheit kulturell von ihrer Umgebung geschieden waren und insbesondere durch den Gebrauch einer Sprache, die nicht die derNiederlassungslander war, die Voraussetzung zu einem nationalen Leben besaßen. Die nationale Betrachtungsweise des jüdischen Wesens war eine rein politische! Politisch war ihr Ausgangspunkt, da lediglich die judenfeindliche Betätigung des Nationalismus auch die der Religion längst entfremdeten Teile der jüdischen Intelligenz in den Kreis des Jüdischen drängten und sie demgemäß zu neuer Deutung ihres Iudeseins zwangen. Politisch mußten darum auch ihre Ziele sein. So entwickelte sich naturgemäß ganz parallel mit dem jüdischen Nationalismus der Zionismus als die Verwirklichung seines Wollens. Politische Selbständigkeit auf dem Boden eines Judenstaats, den historisches Fühlen im Verein mit dem Hoffen religiöser Tradition nur in Palästina errichtet wissen wollten, wurde zunächst erstrebt. And wenn auch gewiß, trotz der geradezu ans Wunderbare grenzenden Verheißungen, die Englands Sieg dem jüdischen Nationalismus machte, in den Wein des souveränen jüdischen Staates viel Wasser geschüttet worden ist, so bleibt die Idee doch der natürliche Ausdruck des Willens zur Säkularisierung des Judentums. Daneben aber entstand, in etwas übereifriger Vorwegnahme des erstrebten Judenstaates, eines Machtfaktors im Politischen, eines Mittelpunktes im Kulturellen, der Gedanke einer nationalen Autonomie in den Niederlassung sländern. Die jüdischen Bevölkerungsteile sollten als Glieder des jüdischen Volkes gewertet werden, und die ihnen zustehenden Rechte sollten die der nationalen Minderheiten sein. Ohne etwa ihre Staatsangehörigkeit im einzelnen Lande zu verlieren, sollten sie kulturelle und politische Selbstverwaltung genießen und nur als Glieder einer abgesonderten Sondergruppe, nicht aber als Einzelbürger, in ein Verhältnis zum Staate und zu seinen Aufgaben treten. Vorbilder waren vor dem Kriege auf rein kulturellem Gebiete die Schweiz, wo der große deutsche sowie die kleinen französischen und italienischen Teile ihre völlige Autonomie in Sprache, Unterricht und sonstigen Gebieten des geistigen Lebens besaßen, und im Reiche des Politischen die habsburgische Doppelmonarchie, wo Deutsche, Polen, Tschechen, Südslawen, Italiener und Ungarn auch für die Fragen der Regierung und Verwaltung weitgehende Rechte hatten und immer größere verlangten. Etwas ähnliches dachte sich der jüdische Nationalismus auch für die Juden und zwar nicht nur für jene Gebiete, in denen sie als kulturell erkennbare Minderheiten in größerer Zahl saßen, sondern vereinzelt auch für die Länder, in denen eine völlige Assimilation des Denkens und des Fühlens stattgefunden hatte. Wenn auch gewiß die Forderungen für den Westen niemals über die Theorie hinausgekommen sind, die man lediglich aus Konsequenz des Denkens aufstellte, so bedeutete doch für den Osten, insbesondere nach dem Kriege mit seinen Umwälzungen, das Verlangen nach der nationalen Autonomie eine Realität. Und an Versuchen, sie herbeizuführen, an dem Willen, sie zu gewähren, hat es um so weniger gefehlt, als ja die Länder besonders des Ostens mit dem Probleme der nationalen Minderheitssorderungen an sich schwer zu kämpfen hatten. Polen, Rußland, die Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien, besaßen nicht nur Minoritäten mannigfachster Art, sondern sie gestanden ihnen innerhalb weiter oder enger gegesteckter Grenzen von vornherein gewisse Rechte

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