KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 44 (sequence 44)
- Language
- German
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44 (68) in der Richtung auf die Auseinandersetzung um das ewig auftauchende Problem der Staats- und Gemeinschaftsidee, die sich nach den jeweiligen philosophischen und soziologischen Betrachtungsmethoden zeitlich verschieden auswirken wird. Rur in seltenen Epochen der Menschheitsgeschichte können beide Kreise sich decken. Die moderne Abwehrarbeit kann und muß dieser doppelten Tatsache Rechnung tragen. In dem Kampf um die Wahrheit können überzeitliche Erfolge errungen werden und hierdurch der Kampf entgiftet werden. Aber es wäre falsch, hier von Erfolglosigkeit zu sprechen, weil etwa die Vorwürfe eines Eisenmenger, finsterste Unwahrheit des Mittelalters immer wieder in Erscheinung tritt. Unwissenheit und Lüge werden aus der Menschheit niemals restlos verschwinden. Darum ist es trotzdem Aufgabe einer jeden Generation, das ihre zu tun, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Die Arbeit geringschätzen, weil sie innerhalb eines Menschenlebens nicht erreicht werden kann, wäre eine Verkennung der menschlichen Aufgaben überhaupt. Soll man aber in bezug auf die andere, wesentlichere, im Geistigen begründete Iudengegnerschaft, die kein Einzelproblem, kein jüdisches Problem, keine Zudenfrage im eigentlichen Sinne ist, resignieren? Soll man mit der Feststellung, daß die Iudengegnerschaft in den Jahrhunderten der Verbannung nicht geschwunden ist und in jeder Zeit neue Gestalt findet, einen der beiden Lösungsversuche wählen, den zur Konzentration des Judentums, seine Beschränkung auf den Begriff der Nation und der Rückentwicklung der Religion zum Stammesglauben, oder den anderen, den die Aufklärung empfahl, den des Aufgehens, den Völker vor uns gegangen sind und nach uns gehen werden, den der die Aufgabe des Judentums in der Welt in seinem Untergang erblickt, wie es Sabbatai Zewi getan? Beide Wege sind keine Lösungen, sondern Verzichte. Sie schmecken nach der Lösung, die ein Abgeordneter der ersten Duma empfahl, der die Iudenfrage damit aus der Welt schaffen wollte, daß ein Drittel totgeschlagen, ein Drittel ausgetrieben und der Rest getauft würde. Genau so könnte man es eine Lösung der sozialen Frage nennen, wenn man empfehlen würde, alle Proletarier zu ermorden. Und nicht einmal Verzichte würden es sein, denn der erste dieser Wege führte doch nur auf dem Wege über die Galuthverneinung zum Erfolg. Die Abwehrarbeit gegen diese Art der Iudengegnerschaft kann nicht eine zeitlose, mit einem Universalrezept erfüllbare sein, weil der Angriffspunkt zwar ein dauernder, aber ein sich in der Zeit wandelnder ist, weil diese Art in den ZeitströmujNgen wurzelt und darum die Aufgabe nur von Menschen dieser Zeit für diese Zeit in ihrem Geiste mit ihren Ideen, ihren Anschauungen und ihren Waffen gelöst werden kann, ganz ebenso wie jedes Problem des menschlichen Gemeinschaftslebens. Eine zeitlose Lösung fordern, würde heißen, die Probleme der Philosophie aller Zeiten im Geiste unserer Zeit lösen zu wollen. Darum ist die Frage der Ueberwindung der Iudengegnerschaft in der Gegenwart das Problem der Lösung des Gemeinschaftsbegriffes als ein Zusammenwirken aller Teile eines Volkes, des Nachweises, daß der Begriff der Volksgemeinschaft sich weder auf politische, noch religiöse, noch abstammungsmäßige Einheit beschränkt, daß die Volksgemeinschaft nicht ein Einheitliches naturwissenschaftlich Definierbares ist, sondern ein Ineinander und Aufeinander zahlreicher Gemeinschaftszellen, ihr Zusammenwirken zu einem Ganzen, Zellen, die verschieden sind in ihrem Aufbau, aber sich zusammenschließen zu einem Ganzen, gleich den Zellen einer Pflanze. Auch die Resignation des nationalen Judentums bringt hier keine Lösung, sondern nur das neue Problem: Ist das Nationaljudentum mit der Zugehörigkeit zu einer anderen Volksgemeinschaft vereinbar? und die weitere Frage: Erfüllt das Judentum die Voraussetzungen, die an eine Volksgemeinschaft zu stellen sind? Zur Lösung der Hauptfrage trägt diese Resignation nicht bei, überläßt sie vielmehr denen, die wie wir ihr Vorbild in Eugen Fuchs und Ludwig Holländer sehen, die neben dem Kampf um die Wahrheit auch arbeiten im Geiste der Schaffung eines wahren Gemeinschaftsbegriffes. Freilich müssen auch wir uns dabei bewußt sein, daß wir nur den Antisemitismus als Zeiterscheinung widerlegen, daß wir nicht wirken können für alle Zukunft. Diesem Ziel zuzustreben, jeder auf seinem Platze zu seiner Verwirklichung hinzuarbeiten, ist eines jeden Menschen würdig und ist, wenn wir den Antisemitismus als eine Spielart falschen Gemeinschaftsbegriffes erkennen, menschliche und im besten Sinne vaterländische Pflicht. Wer das „Alles oder Nichts" erstrebt, wird sein Werk niemals vollbringen. Dieser Kampf, der ein Teil ist des Ringens der menschlichen Geister um das Wesen des menschlichen Seins, ist ebenso wertvoll, ebenso notwendig, aber auch ebenso Stückwerk wie menschliches Denken überhaupt. Wer hier nur die Erfolge mißt, versündigt sich am Geist.