Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 43 (sequence 43)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2268830-2268964-2268967--3327-3523793
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(67) 43 Was damals möglich war wie heute, was in allen Zeiten notwendig erscheint, ist etwas ganz anderes als die Aeberwindung dieser Judengegnerschaft im letzten Sinne. Das ist die Verbreitung der Wahrheit, das Streben diese Gegnerschaft zu trennen von dem Streit unwahrer Behauptungen, unwahrer Schlagworte, von dem, was tatsächlich überwindbare Fremdheit und Unkenntnis ist. Man schätze dies nicht gering, denn es ist das, was letzten Endes als das Wesentliche am Antisemitismus erscheint. In der Zeit des Individualismus, der Zeit, die nur den Einzelmenschen wertete, war Antisemitismus auf diesen Schlagwortkrieg beschränkt, war Judengegnerschaft unter allen Umständen nur Lüge oder Unkenntnis. Aber diese Epoche ist — das vergessen wir bei der Betrachtung der Ereignisse der letzten Jahrzehnte allzuleicht — vergangen und Wahrheitsbeweise allein reichen nicht mehr — ebenso wie in früheren Jahrhunderten nicht — aus, um die Judengegnerschaft zu widerlegen. Heute befinden wir uns in der Periode eines neuen Kollektivismus. „Gemeinschaft", „Organisation", sind die Modeworte unserer Tage und wirken sich nicht nur aus im Streite um das Wesen der Gesellschaft, sondern auch im Kampf um den Begriff des Staates und um die wechselseitigen Beziehungen der Gemeinschaftskörper. Diese Ideen müssen sich daher auch auswirken in der Auseinandersetzung über das Verhältnis von Juden zu Nichtjuden, ohne daß diese Seite des Problems mehr ist als ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtkomplex. Was die Judengegnerfchaft unserer Tage so außerordentlich stark erscheinen läßt, ist die Leidenschaft, mit der die Auseinandersetzung um dieses theoretische Problem zu praktischen Folgerungen drängt. Unsere Zeit neigt in allem zum Radikalismus. So wirkt sich auch die Reaktion auf den Individualismus außerordentlich radikal aus und führt dahin, daß man in allen Fragen der Gemeinschaft intolerant in höchstem Maße ist. In allen Gemeinschaften, wo wir auch Hinblicken, findet man mehr Verständnis für den Aufbau einer restlos geschlossenen Gemeinschaft als — trotz Völkerbund und Weltfrieden — für die Notwendigkeit des Aneinander und Ineinander der Gemeinschaftszellen. Man erstrebt in einer jeden kleinen Gemeinschaft restlose Einheit der Geister, man will in der Gemeinschaft, keinen Widerspruch, man hält ihn für unerträglich. Unter diesem ungesunden, übersteigerten Gemeinschaftsgefühl leiden wir, das nicht erkennt, daß Gemeinschaft und Uniformität der Geister und Menschen etwas verschiedenes sind. Das zeigt sich nicht nur bei dem Antisemitismus in seiner hierin begründeten völkischen, schärfsten Form, die auf eine Ausbürgerung der Juden hinarbeitet, das ist mit Fremdheitsgefühlen nicht im geringsten erklärt, sondern nur damit, daß man sich klar darüber ist, daß es sich bei dieser modernen Judengegnerschaft um nichts anderes handelt, wie um die gleichen Phänomene, die uns in der Politisierung eines jeden Kegelklubs vor Augen treten. Auch die religiösen Vereinsspaltungen, selbst der Kampf gegen die Simultanschule haben meist die gleiche Wurzel. Die Tatsache, daß alle Gemeinschaften, auf eine möglichst starke Einheitlichkeit ihrer Mitglieder nach allen Richtungen: abstammungsmäßig, klassenmäßig, religiös und politisch hinarbeiten, ließe sich durch Beispiele aus der Organisationsarbeit aller Richtungen aberhundertfach belegen. Innerhalb der Gemeinschaft, so wie unsere kranke und radikale Zeit sie fälschlich versteht, gibt es keine Verschiedenheiten ideeller, ethischer, abstammungsmäßiger und wirtschaftlicher Art. So entsteht der moderne Antisemitismus. Dieses übersteigerte Gemeinschaftsgefühl gilt es darum zu widerlegen oder richtiger zu überwinden, wenn wir an die Wurzeln der heutigen Judengegnerschaft heranwollen. Dieses Ziel wird aber nicht durch den Nationalwertbeweis des Nationaljudentums erreicht, der keine völkische Theorie, selbst wenn er geführt würde, wider legen könnte. Im Gegenteil, auch die nationaljüdische Ideologie beruht auf den gleichen Denkfehlern, auch sie glaubt die Gemeinschaft nur im kleinsten, engsten Kreis verwirklichen zu können. (Wenn das Nationaljudentum sich immer dagegen gewehrt hat, daß man ihm zum Vorwurf machte, daß es antisemitische Gedankengänge unterstützt, so verkennt es diese zweifellos vorhandene Aebereinstimmung in einer bestimmten Denkrichtung.) Auch auf dem Wege,, den der Verband nationaldeutscher Juden einschlägt (auch hier ebenso wie beim Nationaljudentum absolut unpolitisch und fern von der Tagespolitik gesprochen), ist dieses Ziel nicht zu erreichen. Mit seinen Mitteln kann man nur den Ideen des Früh-Liberalismus Rechnung tragen, man kann einen Wertigkeitsbeweis des Einzelnen führen, man kann den Weg gehen, den die Aufklärung forderte, den Weg, der zur restlosen Selbstaufgabe führt, aber niemals die innere Grundlage der in dem heutigen Gemeinschaftsbegriff begründeten pseudowissenschaftlichen Judengegnerschaft, die diesen Gemeinschaftsbegriff mißversteht, widerlegen. Judengegnerschaft ist also ein Doppeltes. Es ist einmal die Iudenfeindschaft aus Fanatismus, aus Anwahrheit, Fremdheit und Anbildung, die mit Wahrheitsbeweisen widerlegt werden kann. Es ist aber auch eine Auswirkung des Zeitgeistes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.