Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 42 (sequence 42)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268964-2268967--3326-3523792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

42 (66) licherweise auftretenden Spielarten der Iudengegnerschaft widerlegt und vornherein verhindert werden, würde eine Lösung der innermenschlichen. Konflikte und Konfliktsmöglichkeiten voraussetzen. Das sollte man sich vor Augen halten, wenn, man über Erfolge der Abwehrarbeit spricht. Erste Voraussetzung für eine Bekämpfnng des Antisemitismus ist die Erkenntnis seines Wesens. Hierfür ist aber noch nichts gewonnen, wenn man ihn als „Gruppenleidenschaft" definiert, aber auch ebenso wenig, wenn man ihn nach seiner Erscheinungsform in Rassen-, Wirtschasts- und Religions-Antisemitismus gliedert. Man muß sich vielmehr bewußt sein, daß die Spannungen, die man als Antisemitismus zu bezeichnen Pflegt,, und die auch mit dem Worte „Fremdheitsgefühl" nicht schlechthin erklärt sind, in allen Zeiten verschiedenen Motiven entsprungen sind und zu anderen Zielen hingedrängt haben, daß, Antisemitismus ein Begriff ist, der nicht nur innerhalb der gleichen Epoche in verschiedensten Formen austreten kann, sondern in noch höherem Maße in seiner zeitlichen Erscheinungsform bedingt ist vom Zeitgeist, von den großen Geistesrichtungen der Menschheit dieser Tage. Der Antisemitismus, von dem das Buch Esther uns erzählt, z. B. war doch, trotzdem auch er ein religiöser war, ein ganz anderer als der eines Stöcker. Er war der Versuch der Nieder-» kämpfung einer Minderheit, die die Göttlichkeit des Königs nicht anerkannte und darum dem absoluten Staat des Altertums gefährlich zu sein schien, ganz ebenso, wie die Juden- und Christenverfolgungen im alten Rom in diesen Ideengängen ihre Begründung finden. Auch der Makkabäer-Austtand wäre ohne diese Staatsidee nie zu erklären, denn Fremdherrschaft allein hatte das Judentum jener Zeit genug gekannt und erst das religiöse Martyrium führte zum Konflikt. Ganz anders der Judenhaß des Mittelalters. Auch ihn müßte man nach der üblichen Terminologie als „Religions-Antisemitismus" ansprechen. Die Judenverfolgungen des 11. und 12. Jahrhunderts hatten aber im Gegensatz zu ihren Vorläufern im Altertum mit Staatsphilosophie nichts zu tun. Sie waren der Ausfluß eines religiösen Fanatismus, der die Gegner Christi — die Gottesleugner in den Augen der heimkehrenden Kreuzfahrer — bekämpfte, ganz wie der Fanatismus des vordringenden Islam alles niedermachte, was sich ihm nicht unterwarf. Sie waren Rächer Christi und keine Politiker. Und war vielleicht das Ghetto etwas diesen Strömungen in seiner inneren Begründung ähnliches? War diese Zeit der Einengung vielleicht Antisemitismus im Sinne der Gegenwart? War es nicht wieder ein völlig Anderes? Wäre die Judengegnerschaft dieser uns oft als schlimmste Zeit jüdischer Geschichte dünkenden Epoche oder eine der bereits erwähnten älteren Arten der Judengegnerschaft verringert worden, wenn zu jener Zeit der „Nationalwertbeweis" des modernen Nationaljudentums geführt worden wäre? Die Antwort hieraus kann nur ein Nein sein. Nur mit dem Untergang des Judentums im Galuth wäre diese Art der Judengegnerschaft zu besiegen gewesen, denn die Absonderung der Juden in Städte und Stadtvierteln, in einen örtlich beschränkten Kreis, ihre Konzentration auf be» stimmte Wirtschaftszweige, ihre äußerliche Kennzeichnung, daß waren die Formen, in denen man die Durchsetzung des mittelalterlichen Grundsatzes „cuius^egio eius religio" mit der bestehenden und nicht zu beseitigenden Existenz einer andersgläubigen Minorität zu einem Kirche und Staat erträglich scheinenden Kompromiß vereinigte. Das Mittelalter in seiner christlich-ständischen, nicht einmal die Leibeigenschaft ablehnenden Verfassung konnte keine gleichberechtigte religiöse Minorität ertragen. Aus dieser inneren Motivierung des Ghetto ergibt sich aber weiter, daß die Emanzipation in dem Augenblick eine notwendig früher oder später eintretende Folge wurde, in dem man sich im Augsburger Religionsfrieden dazu entschloß, diesen Grundsatz der religiösen Einheit des Staates zu durchbrechen. Selbstverständlich konnte sich eine solche revolutionäre Konsequenz nicht von einem Tag auf den anderen durchsetzen, aber doch war ihre logische Begründung gegeben, gehemmt nur durch die sich zur gleichen Zeit entwickelnde Lehre vom christlichen Staat, die ihr Ende in der Praxis erst in den letzten Jahrzehnten gefunden und sich in der Theorie noch heute auswirkt. Auch in der Entwicklung der Iudengegnerschaft des 19. Jahrhunderts erkennen wir die Wandlungen des Zeitgeistes. Der Widerstand, der als Reaktion auf die Emanzipation sich bemerkbar machte, war der Widerstand gegen den Juden, der sich nicht restlos nivellieren ließ, der in dem Schmelztiegel der Aufklärung nicht völlig verschwand. Gegen diese Gegnerschaft gab es auf dem Boden des Gedankenkreises der Aufklärung keinen Wertbeweis und keine Abwehr. Sie konnte nur geführt werden auf dem Boden des völligen Liberalismus, des reinen Individualismus, der auf diesem Boden erwuchs und der wieder abgelöst wurde durch die Widerstände, die das ausgehende 19. Jahrhundert mit dem Wiedererstarken der Idee des christlichen Staates den Andersgläubigen entgegenstellte (in Preußen den Katholiken wie den Juden).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.