KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 41 (sequence 41)
- Language
- German
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(65) 41 Antisemitismus, eine Zeiterscheinnng? Eine Studie zur Soziologie des Antisemitismus und seiner Abwehr. Von Dr. Hermann Berlak (Spr.,Fr.-Gh.) Die Frage nach den Erfolgen der Abwehrarbeit ist oft gestellt worden, so nebensächlich sie dem erscheinen mag, dem der Kamps für Wahrheit und Recht selbstverständlich ist, ist sie doch nicht unwichtig. Denn namentlich von nationaljüdischer Seite ist diese Frage negativ beantwortet worden, aus dieser Antwort erhielt die nationaljüdische Bewegung ihren stärksten Impuls, denn aus dieser angeblichen Erfolglosigkeit, aus der Zeitlosigkeit der Iudengegnerschaft wurde gleichzeitig die Resignation gefolgert, die Notwendigkeit einer Renationalisierung des Judentums zur Ueberwindung des Judenhasses. War es doch das Wesentliche, das Revolutionäre, das Geisterweckende des Zionismus, daß er die Verwirklichung der Zionssehnsucht als das Mittel verkündete, die Iudenfrage schlechthin zu lösen, dadurch, daß die Randspannungen, die Berührungspunkte zwischen Juden und Nichtjuden durch ihn beseitigt werden sollten. Das, was heute das Nationaljudentum predigt, ist stärkste Abkehr von diesen Gedanken. Wer wagt angesichts der Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, die beweisen, daß die „Lösung der Iudenftage" in diesem Sinne einer Herauslösung der Iudenheit aus dem Zusammenleben mit Nichtjuden in Palästina nicht möglich ist, noch so scharf, wie wir es früher hörten, Galuthverneinung zu predigen. Man zieht sich auf ein Destillat zurück; man propagiert als das Wesentliche das soziale Hilsswerk in Palästina, obgleich dieses älter ist als alle nationaljüdische Bewegung, die es nicht zur Voraussetzung hat; man fordert, wenn man radikal ist, Rechte nationaler Minderheiten für das Galuth, kurz man verschärft Randspannungen, statt sie zu beseitigen. An die Stelle der Randspannungstheorie hat die nationaljüdische Wissenschaft von heute ein anderes gesetzt: den „Nationalwert-- beweis", wie man es vielleicht nennen könnte, die Idee, daß die Schaffung eines nationalen Heims, einer nationalen Kultur, einer Universalbetätigung in allen Berussschichten in Palästina, all das, was man „Aufbauarbeit" nennt, die Iudengegnerschaft ad absurdum führen werde, weil jeder die Gleichwertigkeit des Juden angesichts dieser Leistungen werde anerkennen müssen. Das bedeutet völlige Abkehr von der Bekämpfungsmethode der Iudengegnerschaft durch tzerzl und den Zionismus von einst, aber es bedeutet auch nicht einen Fortschritt, sondern ein Zurück, einen Rückfall in eine Abwehrmethode, die dem Antisemitismus der Gegenwart gar nicht gerecht werden kann. Denn wesentlich ist doch, ob dieser Beweis der Gleichwertigkeit, selbst wenn er auf dem Wege eines Beweises des Nationalwertes geführt werden könnte — was zu untersuchen für uns in diesem Zusammenhang nicht erforderlich ist — überhaupt ein einleuchtender ist? Ist es möglich, durch Führung dieses Beweises Iudengegnerschaft zu mindern? Nein, denn diese Theorie verkennt den Begriff der modernen Iudengegnerschaft vollkommen. Nicht nur, daß die Führung dieses Beweises mit den Grundgedanken des modernen Antisemitismus nichts zu tun hat, ist diese Theorie doch ebenfalls befangen in der leider weit verbreiteten Auffassung, daß Iudengegnerschaft nicht nur dauernd, sondern auch zeitlos im Sinne einer Unwandelbarkeit ist, daß Iudengegnerschaft von heute, Iudengegnerschaft von einst und auch von morgen letzten Endes ein Gleiches ist. Diese Ueberzeugung, diese Grundvoraussetzung, ist falsch. Wenn sie bisher nicht stärker zurückgewiesen worden ist, so hat dies seine Ursache vielleicht darin, daß die Untersuchungen, die sich mit einer Soziologie des Judenhasses und seiner Abwehr befaßten, im allgemeinen von nationaljüdischer Seite geschrieben worden, die naturgemäß auch im Endergebnis die Zielsetzung des Baseler Kongresses als Lösung des Problems bejaht. Eine ewige Gleichheit der Iudengegnerschaft nach Motiv und Ziel besteht nicht. Und darum gibt es eine Problemlösung nicht, so wenig und so lange nicht, wie eine Zeit kommen wird, in der die Menschen leidenschaftslos, frei von Liebe und ftei von Haß, frei von Vorurteilen, ftei von Unterschieden jeglicher Art sein werden, ckurz, so lange, wie das messianische Zeitalter nicht erfüllt ist. Erreicht werden kann und erstrebt werden muß nur die Ausschaltung der akuten Phänomene. Eine Bekämpfung des Judenhasses in der Richtung, daß alle in aller Zukunft mög-