Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 40

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 40 (sequence 40)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268964-2268967--3324-3523790
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

40 (64) mosphäre geatmet, trotz aller Betonung des Eigenen, trotz aller bewußten Isolierung. Diese innerliche Durchdringung von Weltbürgertum und Sonderleben ist sür das jüdische Wesen schon früh eigentümlich geworden. Karl Kautsky hat dies auf eine Wesensart zurückführen wollen, die allen Bergvölkern eigen sei, so z. B. den Schweizern und den Schotten, daß sie nämlich einerseits tiefer als andere in ihrer Heimat wurzelten, andererseits diese karge, enge Heimat sie nötigte, in die Welt hinauszuziehen, nach der Ferne hinauszuschauen. Aber in Wirklichkeit ist diese eomplexio oppo8itorum darauf zurückzuführen, daß die jüdische Gesamtheit in dem Maße wie kein anderes Kulturvolk eine Umwelt immer erfahren hat. Von der Zeit der Diaspora an wirkte dies notwendig noch stärker, da jetzt nicht nur die Gesamtheit als solche und also nicht nur die Persönlichkeit, deren Denkkraft die Gesamtheitsgedanken zu erfassen vermochte, sondern jeder Einzelne, das Individuum als solches immer wieder die Umwelt erlebte. Dem Einzelnen war es immer neu ausgegeben, das Verhältnis zu ihr praktisch oder, wenn er es vermochte, gedanklich zum Ausdruck zu bringen. Denn eine bloße Beeinflussung durch die Umgebung, wie mannigfaltig sie auch war, ihr Erleben im Unbewußten oder ein bloßes Sichhingeben an sie konnte kaum geschehen; dazu war der historische Charakter, den die Jahrhunderte dem Einzelnen ausgeprägt hatten, ein zu bestimmter. Das jüdische Wesen wurde mehr und mehr auf die Auseinandersetzung, im Anziehen oder Abstoßen, eingestellt. Eine gewisse stetige, nicht nur gelegentliche Energie — Goethe hat in der Energie den Grundzug des jüdischen Wesens finden wollen — ist daraus erwachsen. Und auch ein Weiteres ergab sich daraus. Da der Mensch anderer Art hier unmittelbarer und bewußter erfahren wurde als sonstwo, so wurde das Ich ein bewußteres, ein angespannteres, ein von sich selbst stärker beobachtetes und betontes. Die eigentümliche Selbstkritik des Juden ist hierauf zurückzuführen. Das Ich stand so auch in einem Vergleich; auch die gelegentliche Neigung, sich immer in bezug auf andere zu sehen oder gar die eigene Würde nur von anderen empfangen zu wollen, konnte so, wie freilich auch noch aus anderen Motiven hervor, sich ausbilden. Und auch die Flucht aus dem Judentum ist oft dahin zu erklären, daß einer aus einem Menschen inmitten einer Umwelt zu einem Menschen inmitten einer bloßen Welt, zu einem Menschen gewissermaßen ohne die stete Energie und Auseinandersetzung werden wollte. Es ist nicht 31t verkennen, wie sehr durch diesen Umweltcharakter eine spezifische Gefahr gegeben worden ist: die eines weitgehenden Intellektualismus. Diese Notwendigkeit der Auseinandersetzung kann es mit sich bringen, daß sich eine rein verstandesmäßige Beziehung zu allem und allen einstellt — jener bekannte jüdische Typus, auf den ehrliche Gegner oft Hinweisen. Dieser Mangel, ganz so wie auch jener andere, der Mangel nämlich an Beziehung auf sich selbst und an Bewußtsein eigenen Wertes, ist dort immer vorhanden, wo das notwendige Komplement im jüdischen Wesen, das Religiöse fehlt. Alles Religiöse bedeutet eine Naivität, eine Ursprünglichkeit, eine stete Verbindung mit den Quellen ontogenetischer und phylogenetischer Kindheit, eine Verbindung darum auch mit der Gemütsphantasie und der Kraft seelischer Poesie, mit dem, was über allen bloßen Verstand hinauszuführen vermag. Wo jene Kraft der Auseinandersetzung mit dieser Kraft des Religiösen geeint ist, dort — und dort erst — gestaltet sich wieder das eigentümlich Jüdische, dieses scheinbar Widerspruchsvolle, das in Wahrheit höchste Einheit, stärkste Persönlichkeit ist: diese umfassende Weite des Empfindens und Wissens, diese Fähigkeit, sich immer mit Wesen anderer Art zusammenzustellen, dieses Soziale, das keine Politik ist, sondern Ausdruck des steten Menschheitsbewußtseins, dieses Humane, das keine verfliegende Schwärmerei ist, sondern Bestimmtheit der großen Gerechtigkeitsidee, des immer lebendigen Umweltideals, diese Frömmigkeit des Denkenden, der ganz um sich weiß, weil er um die anderen weiß. Der Jude in der Welt ist der Mensch, der wahrhaft die Welt zu eigen hat, weil er mit seiner eigenen Welt, in Geschichte und Gebot, immer die Umwelt besitzt. Der „dialektische Prozeß" der jüdischen Geschichte ist hierin gegeben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.