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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 39

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 39 (sequence 39)
Language
German
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(63) 39 Die Umwelt. Von L. Baeck. Daß die Umwelt einen starken Einfluß auf das Werden und Sein eines Menschen ausübt, ist seit Taines Lehre vom Milieu ein unentbehrlicher Bestandteil der Einsicht in das Wesen menschlicher Persönlichkeit und menschlichen Lebens geworden. Taine selbst und die Dichtergeneration, die von ihm ausging, besonders Zola mit seiner Doktrin vom „experimentellen Roman" sind von der Ueberzeugung bestimmt, daß ein jedes Dasein ganz aus seiner Umgebung hervor zu begreifen ist. Es ist die, aus einem äußersten Determinismus sich ergebende, Uebertreibung eines richtigen Gedankens, wenn so das Milieu alles bedeuten soll. Das Ursprüngliche der Individualität, das Schöpferische der Persönlichkeit, vor allem die Tatsache des Genies wird hier nicht genügend beachtet. Und auch das wird vergessen, daß das Verhältnis des Menschen zur Umgebung nicht nur darin besteht, daß sie auf ihn wirkt, sondern daß er auch auf sie oder gegen sie zu wirken sucht. Die Geschichte einer Persönlichkeit ist oft und zu einem erheblichen Teil der Kampf gegen die Umwelt, die Auseinandersetzung mit ihr. Aber unzweifelhaft ist, daß die Umwelt, sei es anziehend oder abstoßend, von einem entscheidenden Einfluß ist. Vor allem bereitet sie, auch wo der Mensch sie ablehnt und er ihr entgehen möchte, eine Atmosphäre, in der er immer wieder atmet. Staat, Recht und Sitte, Technik, Wissenschaft und Kunst, ja in gewissem Sinne schon die Sprache stellen einen geistigen Kreis dar, in den der Mensch hineingeboren wird, und in dem sein Leben dann bleibt, und aus dem er, nur wenn er auswanderte, hinausgelangen würde. Diese gegebene Beziehung kann vom Menschen bisweilen als harte Bindung, als Druck empfunden werden. Aller Anarchismus ist in seinem Ursprünge Kampf gegen die Umwelt, zumal gegen die organisierte Umwelt. Und er ist darum ein Ergebnis besonders des neunzehnten Jahrhunderts, das infolge seiner technischen und organisatorischen Fortschritte jedes Alleinsein und jeden Individualismus des europäischen Menschen eingeengt, das seine Umwelt dadurch verstärkt hat, daß es sie in ihrer Gesamtheit noch naher an ihn heranrückte, sie also noch viel unmittelbarer auf ihn wirken ließ. Wenn, um zwei Männer aus ganz entgegengesetzten Kulturkreisen Europas zu nennen, in der Mitte des Jahrhunderts Herbert Spencer sein Buch „The man versus the state“ schrieb, wenn in seinen letzten Jahrzehnten Tolstoi seine Anklagen gegen den Staat erhob', der „nur Unrecht tun könne", es ist immer dieser Kampf des Individuums gegen die Umwelt, ein Kampf, in dem das Individuum zuletzt doch erfährt, daß er ein vergeblicher, ein Kampf nur um die Niederlage ist. So bestimmend ist der Einfluß der Umwelt, daß er sich wie auf den einzelnen Menschen, so auf die Volksindividualität erstreckt. Zwar waren die Völker kaum je so wie die Individuen in feste Gesamtorganisationen eingegliedert, zwar ist hier des weiteren das durch die Mannigfaltigkeit der Individuen in ihnen bewirkte Spiel der Kräfte von wesentlicher Bedeutung; aber ein jedes Volk lebt doch, zum mindesten in Europa, in der Atmosphäre seines Erdteils, ein jedes erfährt die geistige Einwirkung seiner Völkerumgebung. Ein Volk, welches, geographisch genommen, inmitten vieler anderer lebt, lebt daher auch geschichtlich, geistig in ihrer Mitte; es lebt in einer Mannigfaltigkeit von Einflüssen. So mancher Unterschied in der Geschichte ergibt sich daraus, daß hier die Welt eine umgebende, dort nur eine angrenzende ist. Die Verschiedenheit der Entwicklung Deutschlands gegenüber der Frankreichs oder Italiens und noch mehr Englands geht hierauf zurück. Von ganz besonderer Bedeutung ist dies für das Verständnis der jüdischen Geschichte. Die jüdische Gesamtheit hat immer und mehr als irgend eine andere eine Umwelt erfahren; sie hat sich zu jeder ihrer Zeiten inmitten anderer befunden. Schon in der Zeit territorialer Geschlossenheit war es so; das kleine Gebiet des Landes und die geringe Zahl des Volkes brachten es mit sich, daß die Gesamtheit sich immer umgeben sah. Das Wort der Bibel „zwischen den Völkern" bezeichnet hier die historische Situation; man war immer unter den anderen. Eines folgte daraus zunächst: man wußte sich stets in einer Beziehung zu der Welt, man hatte nie den Frieden und die Geruhigkeit, sich nur von Seinesgleichen umfangen zu fühlen. Man empfand ganz stark und unmittelbar eine Umwelt, man konnte nie nur sich und vielleicht einen Nachbarn kennen. Die jüdische Gesamtheit als solche hat immer in einer kosmopolitischen At-

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