KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 36 (sequence 36)
- Language
- German
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36 (60) denn wissen, daß dies sachlich falsch ist, und daß „jüdisch" nichts Erniedrigendes ist. Es war eine geschichtliche Tat, daß Gabriel Rießer 1832 den Mut hatte, die neue Zeitschrift, die er herausgab, der „Jude" zu nennen. „Wenn ungerechter Haß an unserm Namen haftet, sollen wir ihn dann verleugnen, anstatt alle unsere Kraft daran zu setzen, ihn zu Ehren zu bringen?" Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch ist mit dem Worte „pharisäisch" der Begriff des Heuchlerischen, der scheinheiligen Frömmelei verbunden gewesen. Kaum jemals in der Geschichte ist eine solche verleumderische Verunglimpfung von Generation zu Generation weiter geschleppt worden. Seit vor 70 Jahren Abraham Geiger als erster begonnen hat, den Nachweis zu führen, daß diese Beurteilung eine durchaus ungerechte ist, wird das Wort wenigstens in wissenschaftlichen Kreisen nicht mehr allgemein in jenem verächtlichen Sinne angewandt. Aber geschwunden ist diese Anwendung des Namens noch keineswegs. Daß es mit dem Namen Pietist ähnlich geht, sei nur flüchtig erwähnt. Wer die Geistesgeschichte der Zeit nach dem 30 jährigen Kriege auch nur einigermaßen kennt, weiß den Wert und die Bedeutung des Pietismus für das religiöse und das gesamte geistige Leben vollauf zu würdigen. Die Ausartungen des Pietismus in Muckertum und scheinheiliger Frömmelei haben es verschuldet, daß Pietist ein Schmähwort geworden ist. Denn die Menschen machen es sich mit ihrem Urteil meist sehr bequem, sie verallgemeinern, und dem Namen bleibt dann das Stigma ausgeprägt. Die Septuaginta hat das Wort Thora mit dem griechischen Nomos übersetzt. Jene hellenistische Zeit hat in der Idee, wenngleich keineswegs in der Praxis, das Gesetz als das Höchste und Göttliche gelten lassen. Ihr war Lehre etwas Geringeres, der Veränderung Unterworfenes. An diesem Beispiel ist die Gefahr der scheinbaren Verbesserung in der Uebersetzung evident. Als in der hellenistischen Welt der Begriff der persönlichen Freiheit einen von der vorhergehenden Zeit abweichenden Charakter erhielt, und als dieser Begriff in der Philosophie und weit mehr noch in der von der Philosophie beeinflußten Lebens- und Weltanschauung der gebildeten Kreise zu dem herrschenden wurde, da begann die Gegnerschaft gegen den Begriff des Gesetzes sich zu regen. Der Apostel Paulus stellt dem „Joche des Gesetzes", unter dem angeblich die Juden leben, die Freiheit der Kinder Gottes gegenüber. So hellenistisch Paulus denkt, so unhellenistisch ist er in dieser Bekämpfung des Gesetzes, und die falsche Gleichsetzung von Thora und Gesetz, die er vornimmt, ist im Christentum und von christlichen Theologen zum Teil bis in unsere Zeit herein sestgehalten worden. Die Gegnerschaft des Paulus bezieht sich keineswegs allein auf das Zeremonialgesetz, sondern richtet sich ebenso gegen das Sittengesetz. Auch dies läßt er nicht gelten, sondern will alles aus der Freiheit geboren sein lassen. Sein Antinomismus hat nachgewirkt; aus grund dieser Anschauung hat man den Gegensatz konstruiert zwischen dem Judentum als „Gesetzesreligion" und dem um deswillen angeblich höher stehenden Christentum als „Erlösungsreligion", daher Religion der Freiheit. Daß dieses selbe Christentum, insbesondere der Katholizismus durch sein kanonisches Recht etwas dem jüdischen Zeremonialgesetz durchaus Analoges geschaffen hat, das den Gläubigen in gesetzliche Fesseln bindet, daß diese Bindung eine weit stärkere durch das Dogma ist, bleibt dabei unbeachtet. Hier zeigt sich die geschichtlich verhängnisvolle Wirkung des Namens. 2n den orientalischen Religionen ist Gotteserkenntnis ein wesentlicher Begriff. Nicht verstairdesmäßige, sondern intuitive Erkenntnis wird gesucht. Die Erkenntnis ist an den Namen gebunden, durch sie wird der Mensch eins mit der Gottheit, gewinnt er die Möglichkeit, sein Schicksal zu beeinflussen oder gar zu bestimmen. Im Judentum ist Gotteserkenntnis der zentrale Begriff. Aber trotz gleicher Terminologie ist der Inhalt ein wesentlich anderer. Sinn und Zweck der Gotteserkenntnis ist nicht das Schicksal, sondern das Sollen des Menschen, nicht Glück und Leid, sondern die sittliche Forderung ergibt sich aus der Gotteserkenntnis, nicht Einswerden mit der Gottheit, nicht das Leben in Gott, sondern das Leben mit Gott und vor Gott ist der Ertrag der Gotteserkenntnis. So entdeckt die prophetische Auffassung der Gotteserkenntnis den Menschen als sittliches Wesen, und so wird das Schicksal von der Gotteserkenntnis losgelöst oder vielmehr anders an sie geknüpft. Es wird zur Reaktion der göttlichen Gerechtigkeit und Liebe, auf das aus der rechten Gotteserkenntnis oder aus deren Mangel fließende Handeln des Menschen. Auch im Christentum ist der Begriff der Gotteserkenntnis ein zentraler. Aber er hat hier eine Wandlung durchgemacht, und mit ihm sind zahlreiche Elemente verbunden, die aus der hellenistischen Anschauung stammen. So kommt es, daß diese Gotteserkenntnis im Christentum ausmündet in die Pistis, ebenfalls ein Begriff, der aus dem Judentum herübergenommen, in seiner Ausdrucksweise beibehalten, aber in seinem Inhalt wesentlich verändert ist. Während im Judentum Emuna das gläubige Vertrauen, die unzerstörbare Zuversicht bedeutet zu dem Gotte,