KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 35 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Nomenklaturen und Etikettierungen Von Hermann Vogelstein (Frib.) 3n der Antwort aus Gretchens Frage, wie er es mit der Religion halte, sagt Faust, daß Name „Schall und Rauch" sei. Lin Zwiefaches ist mit diesem Wort ausgesprochen, einmal, daß das Höchste und Größte, das tiefste innere Erleben zu benennen und mit Namen zu erschöpfen dem Menschen nicht möglich ist; und sodann, daß die Benennung, die wir einer Sache beilegen, letzten Endes bedeutungslos ist. Aber ohne Benennung ist ein Verständnis und eine Klarheit überhaupt nicht zu gewinnen oder zum mindesten nicht anderen zu vermitteln. So ergibt sich eine Vielheit der Benennungen für ein und dasselbe und andererseits eine Mehrheit von Begriffen, die unter demselben Namen gehen. In dem ersteren Falle ist die Vielheit der Benennungen dadurch verursacht, daß dieselbe Sache von verschiedenen Gesichtspunkten her betrachtet wird, daher jedesmal ein anderes Bild gibt. 2m zweiten Falle ist das Gemeinsame und Generelle das Bestimmende gewesen, und die oft recht erheblichen Nuancen sind außer Betracht geblieben. Die babylonische Verwirrung der Sprachen ist ja nicht etwa nur oder auch nur in erster Reihe die Verschiedenheit der Muttersprachen, sondern vor allem die Verschiedenheit der geistigen Einstellung. Menschen, die dieselbe Muttersprache sprechen, reden häufig aneinander vorbei und verstehen sich nicht, weil ihre Einstellung eine ganz andere ist, weil sie mit denselben Worten ganz Verschiedenes meinen. Andererseits ist die Verschiedenheit der Muttersprachen oft kein Hindernis für die Verständigung, wenn nämlich die Erörterung von gleicher Grundlage aus geführt wird. Allerdings ist dies die große Schwierigkeit bei allem Uebersetzen aus einer Sprache in die andere, daß kaum jemals Worte und Begriffe in verschiedenen Sprachen sich vollständig decken, daß vielmehr der Geist beider Sprachen erfaßt, die verschiedene geistige Einstellung und sprachliche Ausdrucksweise verstanden und berücksichtigt werden muß. Darum gibt es so wenige wirklich gute Aebersetzungen. Handelt es sich vollends um Kulturbegriffe, die eine Wanderung durch Völker und Sprachen gemacht haben, so finden wir in vielen, wenn nicht in den meisten Fällen eine Veränderung der Bedeutung der Benennung. Ein weiteres sehr wesentliches Moment ist die innere Entwicklung. In organischer Entwicklung bilden die Begriffe sich allmählich um, während die alten Benennungen festgehalten werden. Aber auch, wo in revolutionärer Weise ein Bruch statt organischer Entwicklung erfolgt, ist es niemals eine Schöpfung aus dem Nichts. Die alte Terminologie bleibt, teils weil man im Augenblick nichts Besseres zu finden weiß, teils weil man sich selbst nicht über den grundlegenden Unterschied klar ist, der durch gewisse Aehnlichkeiten verdeckt wird. So werden Begriffe aneinander gleichgesetzt, deren Benennung die gleiche ist, und andererseits wird begrifflich Gleiches nur wegen der Verschiedenheit der Benennung voneinander geschieden. Namentlich bei Vergleichung von Kulturgütern verschiedener Zeiten, Völker, Religionen, bei der Erörterung verschiedener Anschauungen auf politischem und religiösem Gebiete tritt dies häufig zutage. Daher so oft die Unfruchtbarkeit öffentlicher Diskussionen, dieses Aneinandervorbeireden besonders in Volksversammlungen, wobei jeder Redner nicht nur subtektiv, sondern in einem gewissen Maße auch objektiv im Recht ist. So ist Name doch nicht bloß Schall und Rauch. Allerdings, die Sache wird durch verschiedene Benennungen nicht eine andere, vielmehr verschiebt sich die Bedeutung des Namens als einer Realität von den Objekten in die Seele des beobachtenden und erlebenden Menschen. Namen sind Symbole, und als solche wecken sie Liebe und Haß, Begeisterung und Abscheu. Die beschimpfende Benennung Gueusen haben die Niederländer mit Stolz ausgenommen und als Ehrennamen getragen. Jahrhunderte war der Name Jude ein Schimpfwort, in dem aller Haß und alle Verachtung zum Ausdruck kam. Als man bei Anbruch der neuen Zeit die demütigenden Anreden und Benennungen der Juden zu vermeiden begann, hieß es in behördlichen Schriftstücken etwa „alttestamentarischer Glaubensgenosse" oder „Mosaist" oder „Israelit". In manchen Gegenden ist das bis heute so geblieben, und auch jetzt noch kommt es vor, daß, wenn man die Frage nach dem Glaubensbekenntnis mit „jüdisch" beantwortet, der Richter statt dessen „mosaisch" protokollieren läßt. Woher soll er 3*