KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 34 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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34 (58) Sozial- und Gemeindeleben nicht denkbar sind ohne ein jüdisches Gemeinschastsbewußtsein, und daß jüdisches Gemeinschastsbewußtsein nur aufgebaut werden kann auf religiösem Boden, brach sich mit Sturmesgewalt Bahn. Es wurde aufgezeigt, daß das Fortbestehen der jüdischen Gemeinschaft undenkbar sei bei bloßer Religiosität Einzelner oder vieler Einzelner, daß neben jüdischem Erleben des Einzelnen als stärkstes und letztes Bindeglied der Gedanke der Religionsgemeinschaft sich auf dem Boden des prophetischen Judentums erheben müsse. Dabei zeigte es sich, daß die Art der Gottesvorstellung als solche kein trennendes Merkmal zu sein brauche, wenn nur das Gefühl des religiösen Aufschwungs und der Einordnung des Einzelnen in das große Weltganze jüdisches Fühlen und Handeln aus dem Felsgestein der Herzen schlug. So ergab es sich, daß diejenigen, welche von dem religiösen Gemeinschaftsgefühl getragen sind, mit zwingender Notwendigkeit auch zu einer Umsetzung des Gefühls in eine religiöse Gemeinschastshandlung kommen müssen. Das jüdische Leben im Gotteshaus, Schule und Gemeinde fand durch dieses religiöse Gemeinschaftsbewußrsein eine ganz neue und befriedigende seelische Grundlegung, befriedigend auch für diejenigen, die glaubten, „keine religiösen Naturen zu seiy". Einmal zeigte es sich, daß es in Wirklichkeit viel mehr religiöse Naturen gab und gibt, als gemeinhin angenommen wird. Vor allem aber leuchtete der Gedanke, daß gerade die religiöse Gemeinschaftshandlung notwendig sei zur Erhaltung der religiösen Gemeinschaft selbst, am tiefsten ein. Nun war auf einmal auch bei denen, welche nicht durch Formen jüdischen Lebens täglich und stündlich an ihr Judentum erinnert wurden, bei den Nicht-Orthodoxen, das kostbare Gut sichtbar, für welches sie die anscheinend so negativen Kämpfe gegen den Judenhaß und um die Rechtsgleichheit führten. So nun stehen wir heute! Was aber folgt daraus? Es ergibt sich nach meinem Dafürhalten zwingend die Notwendigkeit eines aufbauenden religiösen Liberalismus -gerade für die jüdische Außenpolitik. Ich will hier davon schweigen, eine wieviel leichtere, beftiedigendere und gefestigtere Stellung die Weckung und Befestigung des religiösen Gemeinschastsbewußtseins auch nach innen, z. B. in der Stellung zum National- Zudentum gibt. Der religiöse Liberalismus kann die Auseinandersetzung mit dem National-Judentum von jüdischer Grundlage aus ganz anders führen, als der Indifferente, der jüdischen Argumenten meist nur allgemein Politisches entgegenzusetzen vermag. Viel wichtiger ist, dieses zu erkennen: wer einmal in das Innere des Heiligtums getreten ist, das er zu beschützen hat, wer sich bewußt und aus Ueberzeugung eingliedert der jüdischen Gemeinschaft, die von Ewigkeit zu Ewigkeit reicht, der hat einen viel gewaltigeren Schwung im Kampf dieser Gemeinschaft gegen ihre äußeren Feinde. Nicht umsonst verehren wir noch heute Eugen Fuchs als den unerreichten Bannerträger in diesem Kamps. Er hat aus dem starken Gemeinschastsbewußtsein das gewaltige Pathos und die innere unverrückbare Festigkeit erlangt, die ihn bis zum letzten Atemzug befähigten, an dem Sieg des deutschen Judentums gegen Verkennung im eigenen und Haß im gegnerischen Lager zu glauben. Tausenden deutscher Juden ist es heute, nicht mehr möglich, auf dem alten Weg in die Reihen religiöser Gemeinschaft zu gelangen, auf dem Weg über das alte, ungeänderte Gesetz! So schwer er äußerlich scheint, so viele Entbehrungen und Entsagungen dieser alte Weg dem Einzelnen auferlegt, so viel leichter ist er in der inneren Rechtfertigung: der Weg wird gegangen, weil er geboten ist und weil er einst so war, muß er auch heute gegangen werden. Der religiös liberale Jude muß in sich den Kampf zwischen Geschichte, Gemeinschastsbewußtsein und religiöser Wahrheit immer wieder von neuem kämpfen. Nur wenn sich alle diejenigen vereinigen, welche diese Kämpfe auskämpfen wollen, wird die religiöse Gemeinschaft des Judentums vollständig und fruchtbar. Diese Gemeinschaft der innerlich fest mit dem Judentum verbundenen jüdischen Deutschen kann auch den Kampf nach außen hin leicht und mit blanker Waffe führen. Es sei der Zweck dieser Zeilen, unter dem Zeichen der Persönlichkeit unseres Freundes, dem diese Wort in Liebe und Verehrung gewidmet sind, und an seinem Beispiel darauf hinzuweisen, daß der Judenhaß endgültig nur beseitigt werden kann durch die heiße und unvergängliche Liebe zur eigenen Gemeinschaft.