KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 33 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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(57) Weg war der, dessen äußere Kennzeichnung die Gründung der K. C.-Verbindungen, die Schrift Löwenfelds „Schutzjude oder Staatsbürger" und die Gründung des C. V. darstellt. Auch diese Schicht deutscher Juden anerkannte das Vorliegen einer Judennot. Sie fand aber das Mittel zur Behebung derselben nicht in der Reaktion durch Absonderung, sondern in der Selbstbehauptung durch Ueberzeugung des Gegners und Verteidigung des gekränkten Rechts. Mit der ersten Schicht deutscher Juden, die zum Zionismus führte, wollen wir uns hier nicht beschäftigen. Derjenige Kreis der deutschen Juden, die ihren Platz im deutschen Volkstum behaupten wollte, hatte mühsame und aufreibende Kleinarbeit vor sich. Wer insbesondere die Schriften von Eugen Fuchs vor sich sieht, muß immer wieder darüber staunen, wie diese geistesmächtigen Führer der deutschen Juden ihre Kraft aufwenden mußten, um einzelne Rechtspositionen zu verteidigen und auch nur die äußersten Spitzen der Außenfront wieder zu gewinnen. Mehr als ein Jahrzehnt verging mit dieser primitiven Aufbauarbeit. Ganz zu Unrecht hat man sie nicht nur in zionistischen Kreisen, sondern auch in Kreisen des Central- Vereins selbst als negative Arbeit zweiten Ranges herabgewürdigt. Das Gemeinschaftsbewußtsein der deutschen Juden war so stark versickert, daß es zunächst notwendig war, als erstes um die zerfallende Schar den doppelten Eisenreif des gemeinsamen Rechts und der gemeinsamen deutschen Volkszugehörigkeit zu legen. Diese erste Aufbauarbeit, aus deren Notwendigkeit hier gerade besonders eindringlich hingewiesen werden soll, weil im folgenden der Standpunkt vertreten werden muß, daß sie nur eine Vorarbeit sein konnte, begegnete sich alsbald mit den Bestrebungen der deutschen Nationaljuden, die von ihrem Standpunkt aus auch ein neues Gemeinschastsbewußtsein zu schaffen suchten. Die Begegnung bedeutete alsbald eine erhebliche Entzweiung. Die nichtzionistischen Juden fühlten zunächst instinktiv die Gefahr, die dem Abwehrkampf dadurch drohte, daß aus jüdischen Reihen selbst die These der Volksfremdheit ausgenommen wurde, welche den Antisemiten gegenüber entschiedenste Bekämpfung nötig machte. Darüber hinaus aber wehrten sie sich aus innerster Ueberzeugung gegen die Behauptung einer überstaatlichen nationalen Gemeinschaft, die ihrem deutschen Volkszugehörigkeitsgefühl aus das entschiedenste widersprach. Dennoch waren die national-jüdischen Kämpfer insbesondere der Jugend gegenüber zunächst im entschiedenen Vorteil. Sie wußten auf den angeblichen Mißerfolg der Emanzipation durch die deutsche antisemitische Bewegung hinzuweisen und konnten vor allem aus den lauten Ruf aller tiefer schürfenden Juden nach dem „Warum" und „Wozu" des Judeseins eine positive Antwort geben. Warum? Weil wir eine Nation sind. Wozu? Zur Verwirklichung der nationalen Ideale in Palästina. Die Frage: „Warum und wozu sind wir Juden?" war aber auch bei den Nichtzionisten tatsächlich niemals erstorben. Der Gesetzestreue beantwortete sie naturgemäß mit dem einfachen Hinweis auf die Gebote der Thora und ihre Verwirklichung im täglichen Leben des Einzelnen und' der Gesamtheit. Aber auch in Kreisen derer, die nicht als Orthodoxe leben konnten und wollten, in den Kreisen der Liberalen, war die jüdische Gemeinschaftsarbeit erhalten geblieben. Liberale waren es, die den mächtigen und festgefügten Bau der deutschen jüdischen Gemeinde gegründet und dadurch dem Gemeinschaftsgefühl einen sichtbaren Rahmen geschaffen hatten. Sie waren es, die die großen Organisationen gemeindlicher und sozialer Natur, den „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund", den „Verband der deutschen Juden" und die Logen „Bne Briß" geschaffen haben, die alle, obzwar religiös durchaus neutral, überwiegend doch von Männern liberaler Weltanschauung getragen wurden. Vor allem hatte sich der Kreis der liberalen Rabbiner und Lehrer immer stärker gefestigt, aus ihrer Arbeit heraus wurden auch die liberalen Organisationen, die Vereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands und die Vereinigung für das liberale Judentum, geschaffen. Diese Organisationen waren keineswegs als Kampfverband gegen das gesetzestreue Judentum gedacht, wenn sie auch bei ihrer Entstehung auf schwere Kämpfe mit der Orthodoxie stießen. Sie waren in erster Linie geschaffen, um die religiös Indifferenten, aber ihrer Gemeinschaft sich bewußten Juden auf einen positiven Gemeinschaftsboden zurückzuführen, indem sie die sozialen und ethischen Ideen des prophetischen Judentums in den Mittelpunkt jüdischen Empfindens und jüdischen Handelns stellten. Einen mächtigen Impuls erhielt diese Bewegung durch die Schaffung der Jugendorganisationen auf liberaler Grundlage, und gebieterisch in den Vordergrund geschoben wurde sie durch den gewaltigen seelischen Umschwung, den Krieg und Kriegsende mit sich brachten. War es zu Anfang des 20. Jahrhunderts nur ein Häuslein von Führern gewesen, welche die Notwendigkeit einer Zurückführung der jüdisch-religiösen Gemeinschaft auf den religiösen Mutterboden forderte, so war durch die Erschütterung der Jahre 1914—19 das religiöse Gefühl auch der Massen mächtig geweckt worden. So fanden die neuen liberalen Organisationen einen fruchtbaren Boden in den Gemütern. Die Erkenntnis, daß jüdischer Gottesdienst, jüdische Jugenderziehung und -bewegung, daß jüdisches 3