KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 3 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- Seite 32 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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32 (56) Weder -re Uotwen-rgkett eines lideralen Judentums für die jüdische Außenfront Von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum E. V. und Mitglied des Hauptvorstands des C. V. Wenn in diesen Blattern, die sonst in religiösen Dingen neutral sind, eine ausgesprochene jüdische Richtung zu Worte kommt, so soll das geschehen, um darzulegen, daß gerade aus dem Gebiet, auf welchem unser Ludwig Holländer so Unvergängliches geleistet hat, ans dem Gebiet des jüdischen Kampfes nach außen, bisher zwar nicht von ihm, aber von dielen namhaften Mitkämpfern, die innerjüdische Einstellung zu stark vernachlässigt worden ist. Ich weiß, daß es in seinem Sinne ist, darzulegen, daß nur eine innerjüdisch gefestigte Stellungnahme die deutschen Juden befähigt, ihrer Aufgabe im Abwehr- und Existenzkampf voll gerecht zu werden. Führen wir uns kurz vor Augen, wie sich aus der Reformbewegung der ersten Jahre des 19. Jahrhunderts das heutige liberale Judentum entwickelt hat! Je nach der Einstellung des Betrachters ist bisher in der Reformbewegung von 1800—1830 immer nur die emanzipatorische oder die religiöse Seite hervorgekehrt worden. Zweifellos haben beide Faktoren aus die Bewegung eingewirkt. Die Erhebung der deutschen Juden zu Vollbürgern hat in ihnen den Wunsch rege gemacht, auch in ihrem eigensten Bereich, dem der Religionsübung und der religiösen Erziehung, sich den Ideen ihrer nichtjüdischen Volks¬ und Staatsgenossen anzunähern. Die deutsche Predigt, die deutsche Schule verdanken diesem Jdeengang gewiß nicht zum Geringsten ihr Entstehen. Daneben und darüber hinaus aber haben gerade die besten Führer der Reformbewegung den Wunsch verwirklichen wollen, einen inneren Ausgleich zu finden zwischen dem durch den Uebergang von Mittelalter zur Neuzeit, durch den Sprung von den Ideen der Gegenreformation zum Zeitalter Kants, Lessings und Goethes geänderten religiösem Empfinden und der überlieferten religiösen Form. Gerade der Wunsch, sich im Judentum zu befestigen, zeitigte die Reform des Gottesdienstes, wie sie der Hamburger Tempel und ihm folgend andere religiöse Gemeinschaften des deutschen Judentums aufweisen. Hinzu kam die wachsende Erkenntnis von der geschichtlichen Entwicklung der religiösen Idee und Ausdrucksform, wie sie einerseits einmal die deutsche Bibel-Uebersetzung und dann die gewaltigen wissenschaftlichen Arbeiten eines Zunz, eines Geiger und anderer zur Gewissens¬ und Verstandespflicht machten. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen die Phasen der Entwicklung des liberalen Judentums zu verfolgen. Es kann nur angedeutet werden, wie ein dem berechtigten und notwendigen Gefühl, dem Streben nach religiöser Wahrheit, entspringender Individualismus und wie gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Ueberschätzung der Technik, ein wachsender Rationalismus dazu beigetragen haben, die Ursprünge der Bewegung zu verwischen. Die Idee der Anpassung wurde in den Vordergrund geschoben, das Prinzip der Entwicklung wurde bis auf die äußerste Spitze getrieben und führte oft nicht nur geradezu zum Bruch mit der bisherigen geschichtlichen Entwicklung, sondern drohte auch das deutsche Judentum aus der religiösen Gesamt-Gemeinschast abzusondern. Insbesondere vertiefte sich der Spalt zwischen dem deutschen und dem übrigen westlichen Judentum einerseits und dem großen Sammel- und Erneuerungsbecken, das für uns Westjuden noch, heute unsere Glaubensbrüder im Osten bedeuten. Ewig denkwürdig bleibt nun die Wirkung, die die unvermutet hereinbrechende antisemitische Hochflut der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts aus dieses atomisierte deutsche Judentum hervorbrachte. Am wenigsten davon berührt wurde der in sich abgeschlossene, verhältnismäßig kleine Kreis des gesetzestreuen Judentums. Furchtbar war jedoch die Wirkung auf die Masse der übrigen Juden. Klar zeigte sich die verheerende Wirkung des Mangels an einer stärkenden und aufrichtenden Gemeinschaftsüberzeugeng. Ein Teil der deutschen Juden ging ganz über Bord. Von den übrigen sonderten sich sichtbar zwei Stränge, die ihrerseits nunmehr in Eile den Notwall eines jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins zu errichten trachteten. Das sichtbare Fanal des eines Stranges war Herzls Auftreten und seine Schrift über den Judenstaat, die ausdrücklich an die Judennot der damaligen Zeit anknüpfte und in einleuchtenden und einfachen Darlegungen die Wiederherstellung der Gemeinschaft mittels Reaktion durch Abschließung vorschlug. Der andere